Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 4. Oktober 2026

Die leise Abwanderung

Es gehen nicht viele. Aber es gehen die, die man am dringendsten braucht.

„Ubi bene, ibi patria.“ – Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland.
Lateinisches Sprichwort, nach Cicero

I. Das alte Sprichwort

Im 19. Jahrhundert wanderten Millionen Deutsche nach Amerika aus. Sie gingen nicht, weil sie ihr Land nicht liebten, sondern weil es ihnen kein Auskommen bot. Das lateinische Sprichwort, wo es mir gut gehe, da sei mein Vaterland, klingt kalt. Es beschreibt aber nur, was Menschen zu allen Zeiten getan haben, wenn sie jung waren, etwas konnten und daheim keinen Platz dafür fanden.

Am 3. Oktober 2026 erschien in der „Welt“ ein Beitrag der Chefökonomin Dorothea Siems mit der Überschrift „Jetzt beginnt die Massenflucht“. Die Sozialsysteme stünden vor dem Kollaps, die Jungen gingen ins Ausland, und es kämen weniger Fachkräfte. Wir wollten wissen, was davon stimmt.

II. Die Zahlen

2025 haben 97.000 Deutsche mehr das Land verlassen, als zurückgekehrt sind. Ein Jahr zuvor waren es 81.000, zwei Jahre zuvor 74.000. Die beliebtesten Ziele sind die Schweiz, Österreich und Spanien. Bei 83 Millionen Einwohnern ist das gut ein Promille im Jahr. Eine Massenflucht sieht anders aus.

Und doch ist die Zahl nicht harmlos, denn es kommt darauf an, wer geht. In der großen Auswanderer-Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hatten 72 von hundert deutschen Auswanderern einen Hochschulabschluss. In der Bevölkerung, die bleibt, sind es 26 von hundert. Es gehen also nicht viele, aber überdurchschnittlich viele von denen, die eine Volkswirtschaft am dringendsten braucht: jung, gut ausgebildet, am Anfang ihres Berufslebens.

III. Warum sie gehen

Die naheliegende Vermutung lautet: wegen der Steuern und Abgaben. Die Befragten selbst sehen es anders. In der Auswanderer-Studie nannten 57 von hundert berufliche Gründe als wichtig, 45 den Wunsch nach einem anderen Leben, nach Sonne oder neuen Erfahrungen. Finanzielle Gründe nannten 26, Unzufriedenheit mit Deutschland nur 17. Drei Viertel wollten ohnehin nur für eine Zeit fort. Diese Befragungen stammen allerdings aus den Jahren 2018 bis 2022, also aus der Zeit vor dem jüngsten Anstieg der Abgaben.

Neuere Zahlen deuten auf eine Stimmung hin, die sich verschiebt. In der Studie „Jugend in Deutschland 2026“ sagten 21 von hundert jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren, sie planten konkret, ins Ausland zu gehen. 41 von hundert können es sich vorstellen. Als Gründe nennen sie fehlende Sicherheit bei Arbeit, Wohnen und Geld. Man sollte solche Umfragen nicht überschätzen. Wer sagt, er plane auszuwandern, packt deshalb noch keinen Koffer. Aber sie zeigen, wo die Gedanken sind.

IV. Das Ruderboot

Die Sozialversicherung funktioniert wie ein Ruderboot. Die einen rudern, die anderen sitzen als Fahrgäste darin, weil sie alt, krank oder ohne Arbeit sind. Solange viele rudern und wenige mitfahren, kommt das Boot leicht voran. In den nächsten zehn Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Aus Ruderern werden Fahrgäste, und es kommen weniger junge Ruderer nach. Jeder, der rudert, muss also kräftiger ziehen.

2026 gehen 42,7 Prozent des Bruttolohns an die Sozialversicherung, Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil zusammengerechnet. Das IGES-Institut rechnet, im Auftrag der Krankenkasse DAK, ohne Gegenmaßnahmen mit rund 50 Prozent im Jahr 2035, im ungünstigen Fall mit 54. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung beschreibt dieselbe Richtung.

Und hier liegt die eigentliche Gefahr, die das Wort „Massenflucht“ verdeckt. Die stärksten Ruderer können das Boot wechseln. Wer jung ist, gut ausgebildet und keine Familie hat, die ihn hält, findet in Zürich, Wien oder Kopenhagen ein Boot, in dem er weniger ziehen muss oder mehr davon hat. Jeder, der wechselt, macht die Last für die anderen schwerer, und mit jeder schwereren Last wird das Wechseln verlockender. Das ist kein Kollaps. Es ist ein langsamer Kreislauf, und gerade deshalb fällt er so lange nicht auf.

V. Wer kommt

Bleibt die zweite Behauptung: Es kämen weniger Fachkräfte. Die Nettozuwanderung hat sich 2025 fast halbiert, auf 235.000 Menschen. Das ist der niedrigste Wert seit 2010, die Pandemiejahre ausgenommen. Das Institut der deutschen Wirtschaft spricht von einer „dreifachen Migrationswende“. Erstens kamen viel weniger Asylsuchende, vor allem wegen des Umbruchs in Syrien. Zweitens wandern aus Osteuropa inzwischen mehr Menschen zurück, als kommen, weil die Löhne dort aufholen und die Bevölkerung selbst schrumpft. Drittens gehen mehr Deutsche.

Aber die gezielte Einwanderung von Fachkräften aus Ländern außerhalb der EU ist nicht gesunken. Die Zahl der Arbeitserlaubnisse ist von Ende 2023 bis Ende 2025 um 13,6 Prozent gestiegen. Die Behauptung stimmt also nur zur Hälfte. Was wegbricht, sind die Arbeitskräfte, die bisher fast von selbst kamen, aus Polen, Rumänien oder Bulgarien. Wer jetzt kommen soll, muss angeworben, anerkannt und gehalten werden.

VI. Was das Geld nicht erklärt

Die Abgaben sind nur ein Teil der Rechnung. Ein junger Mensch wägt auch ab, wie schnell er eine Wohnung findet, wie lange er auf einen Termin beim Amt wartet und ob man ihn nach seinem Können beurteilt oder nach seinem Papier. In „Die Ignoranz und Ineffizienz des deutschen Kastenwesens“ haben wir beschrieben, wie eine Ärztin aus Damaskus fast zwei Jahre auf die Anerkennung ihres Abschlusses wartet. Eine junge deutsche Ingenieurin wartet nicht. Sie kann gehen, und die Länder, die um sie werben, wissen das.

Dass die geburtenstarken Jahrgänge in diesen Jahren in Rente gehen, ist seit Jahrzehnten bekannt. Man konnte es an jeder Bevölkerungspyramide ablesen. In „Die ungehörten und vergessenen Rufer in der Wüste“ haben wir beschrieben, wie solche Warnungen erst als übertrieben gelten und dann, wenn die Folgen sichtbar werden, als zu spät. Die Rentenfrage ist dafür ein Lehrbuchfall.

VII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre

Der erste Einwand: Die Zahlen sind klein, und viele kommen zurück. Wer einige Jahre in Zürich oder Kopenhagen gearbeitet hat, bringt Erfahrung, Kontakte und manchmal Kapital mit. Fachleute sprechen dann nicht von Abwanderung, sondern von einem Kreislauf der Köpfe. Das ist richtig, solange die Rückkehr tatsächlich stattfindet. Viele, die nur für eine Zeit gehen wollten, kaufen ein Haus, gründen eine Familie und bleiben.

Der zweite Einwand: Die Auswanderer nennen die Abgaben gar nicht als Hauptgrund. Auch das stimmt für die bisherigen Befragungen. Unser Argument ist nicht, dass die Abgaben die Menschen vertreiben, sondern dass sie die Rechnung jedes Jahr ein Stück mehr zugunsten des Gehens verschieben.

Widerlegt wäre der Essay, wenn in den nächsten Jahren ebenso viele gut ausgebildete Deutsche zurückkämen, wie gehen, und die Abgaben trotz der Rentenwelle stabil blieben.

VIII. Wo es gut geht

Das alte Sprichwort lässt sich auch umdrehen. Wenn das Vaterland dort ist, wo es einem gut geht, dann kann ein Land selbst dafür sorgen, Vaterland zu bleiben. Nicht mit Appellen an die Heimatliebe, sondern mit Wohnungen, die man bezahlen kann, mit Ämtern, die arbeiten, mit einer Anerkennung, die nach dem Können fragt, und mit einem Boot, in dem sich das Rudern noch lohnt.

Was muss ein Land bieten, damit seine Jungen nicht nur bleiben, sondern zurückkommen wollen?

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 4. Oktober 2026.

Verwandte Texte: „Die Ignoranz und Ineffizienz des deutschen Kastenwesens und ihre Prokrustesbetten“ · „Die ungehörten und vergessenen Rufer in der Wüste“ · „Was wurde aus den Champions?“.

Quellen. Zum Anlass: Dorothea Siems, „Jetzt beginnt die Massenflucht“, Die Welt, 3. Oktober 2026 (hinter Bezahlschranke). Zur Wanderung 2025: Statistisches Bundesamt, Juni 2026. Zu Bildung und Motiven der Auswanderer: German Emigration and Remigration Panel Study des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, zusammengefasst in WLZ, „Warum gut qualifizierte Deutsche gehen“. Zu den Auswanderungsplänen junger Menschen: Forschung & Lehre, „Jugend in Deutschland 2026“. Zu den Sozialabgaben: IGES-Projektion für die DAK, Januar 2026; Sachverständigenrat, Frühjahrsgutachten 2026, Kapitel 2. Zur Migrationswende und den Arbeitserlaubnissen: Institut der deutschen Wirtschaft, nach Haufe und Hasepost. Englische Fassung verfügbar.