Die Ignoranz und Ineffizienz des deutschen Kastenwesens und ihre Prokrustesbetten
Deutschland sortiert Menschen und ihre Vorhaben nach dem Schein oder einem Datum, nicht nach ihrem Können und ihrem Wert. Was das kostet.
„War der Gast zu kurz, streckte er ihn. War er zu lang, schlug er ihm die Füße ab.“
Nach der griechischen Sage von Prokrustes
I. Das Bett
Die Griechen erzählten von einem Wirt namens Prokrustes, der Reisenden an der Straße nach Athen ein Nachtlager anbot. Er hatte ein einziges Bett, und jeder Gast musste hineinpassen. Wer zu kurz war, wurde gestreckt, bis er passte. Wer zu lang war, dem schlug er die Füße ab. Das Bett wurde nie verändert. Es war der Maßstab, und der Mensch war das, was angepasst wurde.
Deutschland hat viele solcher Betten. Sie heißen Abschluss, Laufbahn, Befähigung, Meisterbrief, Zuständigkeit. Sie haben ihren Sinn, und wir werden darauf zurückkommen. Aber sie haben eine Eigenschaft, die man erst bemerkt, wenn man nicht hineinpasst: Sie messen nicht, was jemand kann, sondern welchen Schein er hat. Und wer den falschen Schein hat oder gar keinen, wird nicht gesehen, auch wenn man ihn dringend bräuchte.
II. Kasten?
Das Wort Kaste ist eine Zuspitzung, und man sollte das offen sagen. In Indien wird man in seine Kaste hineingeboren, und ihre untersten Glieder galten über Jahrhunderte als unberührbar. Wer in Deutschland ohne Abitur geboren wird, kann es nachholen, über den zweiten Bildungsweg, die Meisterprüfung oder ein spätes Studium. Das System ist durchlässiger.
Aber wie durchlässig? Von hundert Kindern aus Familien, in denen ein Elternteil studiert hat, beginnen 78 ein Studium. Von hundert Kindern aus Familien ohne Hochschulabschluss sind es 25. Das hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung 2024 ermittelt, und es ist seit Jahren kaum anders. Erblich im strengen Sinn ist das nicht. Aber es wird weitergegeben, Generation für Generation, und wer einmal in einer Schublade liegt, kommt selten in eine andere.
Im öffentlichen Dienst ist das sogar in Ordnung gegossen. Es gibt den einfachen, den mittleren, den gehobenen und den höheren Dienst, und in welchen man eintritt, bestimmt der Abschluss, den man beim Eintritt vorweisen kann. Was jemand in den folgenden dreißig Jahren lernt und leistet, ändert daran wenig. Der Aufstieg in die nächste Laufbahn ist möglich, aber die Ausnahme.
III. Gekürzt: die Ärztin aus Damaskus
In Thüringen hat inzwischen jeder fünfte Arzt seinen Abschluss im Ausland erworben, mehr als zweitausend. Die größte Gruppe kommt aus Syrien. Wer als Ärztin aus einem Land außerhalb der EU kommt, muss in Thüringen bis zu 671 Tage warten, bis über ihre Approbation entschieden ist, fast zwei Jahre. Ende 2025 waren dort 651 solcher Verfahren offen. Erst eine Sprachprüfung, dann die Prüfung, ob die Ausbildung gleichwertig ist, dann eine Kenntnisprüfung, nacheinander, nicht nebeneinander.
In derselben Zeit suchen Kliniken auf dem Land vergeblich nach Ärzten. Die Ärztin aus Damaskus steht vor der Tür, und das Bett ist zu kurz für sie. Also wird sie gekürzt: auf eine Hilfstätigkeit, auf Wartezeit, auf Jahre, in denen sie verlernt, was sie konnte. Dass geprüft werden muss, ob jemand ein guter Arzt ist, bestreitet niemand. Das Problem ist, dass die Prüfung des Scheins die Prüfung des Könnens so lange aufhält. Der Bundestag hat das inzwischen erkannt: Ab November 2026 soll die Kenntnisprüfung der Regelfall werden, statt des langen Vergleichs der Papiere.
IV. Gestreckt: der Seiteneinsteiger
Mit den Lehrern geht das Land umgekehrt um. Im Schuljahr 2023/24 unterrichteten an allgemeinbildenden Schulen rund 77.600 Lehrkräfte ohne Lehramtsprüfung, mehr als jede zehnte. In Physik ist es fast jede vierte. In Berlin hatten zuletzt rund zwei Drittel der neu Eingestellten keine volle Lehrbefähigung, in Sachsen-Anhalt vier von zehn.
Hier wird das Bett nicht verändert, sondern der Mensch gestreckt. Ein Physiker, der zwanzig Jahre in der Industrie gearbeitet hat, wird gebraucht und eingestellt. Aber er bleibt der „Seiteneinsteiger“, dem die Befähigung fehlt, oft schlechter bezahlt und lange ohne die Sicherheit der Verbeamtung. Die Schule braucht sein Können und behandelt ihn nach seinem Schein. Das Bett bleibt dasselbe. Man legt ihn nur hinein, weil kein anderer Gast gekommen ist.
V. Der Meisterbrief
2004 wurde die Meisterpflicht für viele Handwerke abgeschafft. Wer Fliesen legen oder Parkett verlegen wollte, brauchte keinen Meisterbrief mehr, um einen Betrieb zu gründen. 2020 wurde sie für zwölf Gewerke wieder eingeführt, darunter Fliesenleger, Raumausstatter und Orgelbauer. Die Begründung: Die Qualität habe gelitten, und Betriebe ohne Meister bildeten kaum noch aus.
Das Argument ist ernst zu nehmen, und wir wollen es nicht abtun. Ein Meisterbrief bescheinigt Können, und die Ausbildung des Nachwuchses ist eine Leistung, die der Markt allein nicht bezahlt. Aber er bescheinigt das Können zu einem Zeitpunkt, und er schützt zugleich die, die schon drin sind, vor denen, die hinzukommen wollen. Ein Handwerker, der es nachweislich kann, aber den Schein nicht hat, darf es trotzdem nicht als eigener Herr. Das Bett hat seinen guten Grund, und doch werden manche hineingepresst, die anders besser schlafen würden.
VI. Der Erfinder ohne Schein
Felix Wankel verließ 1921 die Schule ohne Abitur. Sein Vater war im Krieg gefallen, für ein Studium oder eine Lehre fehlte das Geld. Er brachte sich die Technik selbst bei, arbeitete in einem Verlag, betrieb eine kleine Werkstatt und meldete 1929 sein erstes Patent an. 1957 lief bei NSU der erste Kreiskolbenmotor. 1969 verlieh ihm die Technische Hochschule München die Ehrendoktorwürde. Den Titel bekam er, als er ihn nicht mehr brauchte.
Wankel ist der berühmte Fall, aber er steht für viele unbekannte. Mitte der 1990er Jahre stammte nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft etwa jede vierte Patentanmeldung in Deutschland von freien Erfindern, also von Menschen, die ohne Unternehmen oder Institut erfinden. 2022 waren es noch rund 2,3 Prozent. In absoluten Zahlen ist nur ein Viertel dessen übrig, was um die Jahrtausendwende angemeldet wurde.
Das Institut nennt als Hauptgrund, dass der Stand des Wissens so gewachsen sei, dass ein Einzelner kaum noch etwas wirklich Neues erfinden könne. Das ist sicher ein Teil der Wahrheit. Ein anderer Teil ist, dass die Förderung zurückgegangen ist und sich an Institute und Unternehmen richtet, an Antragsteller mit Rechtsform, Personalabteilung und Ansprechpartner. Wer allein in seiner Werkstatt etwas Neues findet, passt in kein Antragsformular. Er ist der Gast, für den das Bett gar nicht gedacht war. In „Man könnte, man sollte“ haben wir beschrieben, wie es Menschen ohne Titel, ohne Institut und ohne Verlag ergeht, die etwas zu sagen haben: Man hört sie an und legt sie zu den Akten. Ihnen fehlen die höheren Weihen.
VII. Die gebundenen Hände
Die Betten stehen nicht nur in Schulen, Kliniken und Kammern. Sie stehen auch in jedem Förderprogramm, als Spezifikation, in die ein Antrag exakt passen muss: Alter des Unternehmens, Zahl der Beschäftigten, Umsatz, Rechtsform, Branche, Stichtag. Beim Gründerkredit der staatlichen Förderbank KfW etwa darf seit der ersten Umsatzerzielung nicht mehr als fünf Jahre vergangen sein. Jede dieser Grenzen hat einen Grund. Zusammen ergeben sie ein Bett mit sehr genauen Maßen.
Ein Fall, der so geschehen ist: Ein Antragsteller erfüllt alle Bedingungen eines Programms, das Vorhaben passt, die Unterlagen sind vollständig. Nur eines passt nicht. Er ist ein halbes Jahr zu lange selbstständig. Der Antrag wird abgelehnt. Der Prüfer sieht, dass das Vorhaben genau das ist, wofür das Programm gedacht war, und kann nichts tun. Ihm sind die Hände gebunden.
Das ist die zweite, weniger beachtete Seite des Prokrustesbettes. Es bindet nicht nur den, der hineinpassen soll, sondern auch den, der ihn hineinlegen muss. Die Regeln sind so genau geworden, damit niemand nach Gunst entscheidet, und das ist ein ehrenwerter Grund. Aber sie lassen auch niemandem mehr ein Urteil. Wo früher ein Mensch abwog, misst heute ein Maßband, und der Mensch, der es hält, darf nicht sagen, dass er sieht, was das Maßband nicht misst. In „Das Zwischenreich“ haben wir die Schicht beschrieben, die zwischen dem Mittel und seiner Bestimmung steht und von der Vermittlung lebt. Ihre Formulare werden nicht kürzer. Ihre Maße werden nur genauer.
VIII. Ignoranz und Ineffizienz
Ignoranz ist hier kein Schimpfwort, sondern eine Beschreibung. Ein System, das nach dem Schein sortiert, sieht buchstäblich nicht, was außerhalb des Scheins liegt. Die Ärztin aus Damaskus erscheint in den Akten als ungeklärter Fall, der Physiker im Klassenzimmer als Lücke in der Befähigung, der Erfinder in der Werkstatt gar nicht. Was das System nicht sieht, kann es auch nicht nutzen.
Daraus folgt die Ineffizienz, und sie ist teuer. Ein Land, das über fehlende Ärzte, fehlende Lehrer und fehlende Erfindungen klagt, lässt die Menschen vor der Tür warten, die es braucht. Es sind keine Einzelfälle, es sind Zehntausende, und jeder von ihnen verliert Jahre, die nicht zurückkommen. Dieselbe Mechanik haben wir in „Die Ochsentour“ für die Politik beschrieben: Wer in einer Partei aufsteigen will, muss die Stufen abdienen, gleich was er kann.
IX. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der stärkste Einwand: Die Betten schützen. Die Approbation schützt Patienten vor Pfuschern, der Meisterbrief Kunden vor schlechter Arbeit, die Laufbahn den Staat vor Günstlingswirtschaft. Gerade das deutsche Berufsbeamtentum ist einst entstanden, um Ämter nicht mehr nach Herkunft und Gunst zu vergeben, sondern nach nachweisbarer Eignung. Das war ein Fortschritt, und er ist es geblieben.
Wir bestreiten das nicht. Wir unterscheiden zwischen der Prüfung des Könnens und der Prüfung des Scheins. Die erste schützt. Die zweite schützt oft nur das Bett. Wo eine Ärztin ihr Können in einer Prüfung zeigen darf, statt zwei Jahre auf den Vergleich ihrer Papiere zu warten, ist niemand weniger geschützt, aber viele sind besser versorgt.
Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass Länder, die stärker nach Können als nach Abschlüssen einstellen und aufsteigen lassen, schlechter versorgt sind und weniger erfinden als Deutschland.
X. Theseus
Die Sage hat ein Ende. Der junge Theseus kam auf seinem Weg nach Athen an Prokrustes’ Haus vorbei, und er tat mit dem Wirt, was dieser mit seinen Gästen getan hatte: Er legte ihn in sein eigenes Bett. Es passte ihm nicht.
Wann beginnen wir, die Betten den Menschen anzupassen, statt die Menschen den Betten?