Wem gehört die menschenleere Halle?
Mondragón bindet das Eigentum an die Arbeit, die Stiftung an einen Zweck. Was bleibt, wenn die Arbeit geht?
„Dadurch werden Automatisierungsfälle wirtschaftlich, die sich bislang nicht gerechnet haben.“
Jochen Schröder, Produktionsvorstand der Schaeffler AG, 2026
I. Die Rechnung
Der Satz im Motto stammt aus einem Interview, in dem auch der andere Satz nicht fehlt, der in solchen Gesprächen immer fällt: Die neuen Maschinen sollen die Mitarbeitenden von körperlich belastender Arbeit entlasten, nicht sie ersetzen. Beide Sätze stehen nebeneinander, als ob sie sich vertrügen. Sie vertragen sich nicht. Eine Automatisierung hat sich bisher nicht gerechnet, weil der Mensch an dieser Stelle billiger war. Wenn sich die Rechnung dreht, fällt die Arbeit weg. Dafür wird gerechnet.
Neu an der sogenannten physischen KI ist nicht der Roboter. Neu ist, dass er nicht mehr für eine einzige Bewegung gebaut werden muss. Er greift heute Pakete, morgen Kabelbäume, übermorgen Erdbeeren. Damit fällt die Grenze, an der die klassische Automatisierung haltmachen musste: dort, wo die Arbeit zu vielfältig, zu unordentlich, zu klein für eine eigene Anlage war. Das war bisher der letzte Rückzugsraum der Handarbeit, im Lager, auf dem Feld, in der Montage. Wie schnell diese Grenze fällt, weiß niemand. Dass sie fällt, bestreitet in der Industrie niemand mehr.
Am Ende steht keine leere Halle, sondern eine menschenleere oder weitgehend menschenleere: Die Maschinen laufen, nur Menschen stehen kaum noch in ihr. Die Frage dieses Essays ist einfach: Wem gehört sie?
II. Der Hebel, der verschwindet
Solange eine Fabrik Tausende Menschen brauchte, hing sie von ihnen ab. Die Arbeitenden konnten streiken, sie wählten, sie lebten in der Stadt um das Werk herum. Auf dieser Abhängigkeit beruhte alles, was sich die Beschäftigten in zweihundert Jahren erkämpft haben, vom Achtstundentag bis zur Mitbestimmung. Die Gewerkschaften hatten nie eine andere Macht als diese eine: dass ohne die Arbeit nichts läuft.
Diese Macht ist heute schon schwächer, als es aussieht. 2025 arbeitete knapp die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland in einem Betrieb mit Tarifvertrag, Ende der neunziger Jahre waren es im Westen rund drei Viertel. Der Fachkräftemangel verdeckt das im Augenblick. Er gibt dem Einzelnen Macht, der sich seinen Arbeitgeber aussuchen kann. Der Organisation gibt er keine. Wer gesucht wird, verhandelt allein.
Die physische KI nimmt nun den Hebel selbst weg. Ein Streik in einer Halle, die kaum Menschen braucht, legt wenig still. Das ist die eigentliche Machtverschiebung, und sie ist größer als jede Verschiebung von Marktanteilen. Wer die Anlagen besitzt, braucht die Menschen nicht mehr in dem Maß wie bisher, als Arbeitskraft nicht und als Nachbarn in der Stadt auch nicht.
Sie trifft auch den Mittelstand, allerdings nicht zwangsläufig. Als die CNC-Maschine kam, fürchtete man das Ende der kleinen Betriebe. Sie hat ihnen genützt, weil sie kleine Losgrößen wirtschaftlich machte. Die physische KI verspricht vor allem Flexibilität, und Flexibilität hilft eigentlich dem Kleinen. Entscheidend ist, in welcher Form sie zu ihm kommt: als Werkzeug, das er kauft und das ihm gehört, oder als Dienst, den er mietet und dem er dabei seine Prozessdaten überlässt. Im ersten Fall wird er stärker. Im zweiten liefert er sein Wissen Stück für Stück an die Plattform ab, bis die Plattform ihn nicht mehr braucht. Das ist keine technische Frage. Es ist eine Eigentumsfrage.
III. Eigentum durch Arbeit
Es gibt Unternehmen, in denen diese Frage schon beantwortet ist. In den Genossenschaften von Mondragón gehört der Betrieb denen, die in ihm arbeiten. Wenn dort eine Maschine einen Menschen ersetzt, fließt der Ertrag an die Mitglieder, die zugleich die Arbeitenden sind. Ein Mitglied, das an seinem Platz nicht mehr gebraucht wird, wird nicht entlassen, sondern in eine andere Genossenschaft des Verbunds versetzt. Für Mondragóns Mitglieder ist Automatisierung deshalb keine Bedrohung. Sie ist ein Gewinn für die Eigentümer, und die Eigentümer sind die Mitglieder der Belegschaft.
In unserem Essay „Das Experiment, das kein Modell werden wollte“ haben wir beschrieben, wo das endet. Weniger als die Hälfte der Beschäftigten im Verbund sind heute Mitglieder. Gewachsen ist Mondragón vor allem über Tochterfirmen im Ausland, deren Beschäftigte Lohnarbeiter geblieben sind. Wir haben das mit Franz Oppenheimers Transformationsgesetz erklärt: Erfolgreiche Genossenschaften stellen lieber Lohnarbeiter ein, als neue Mitglieder aufzunehmen, die den Ertrag mit ihnen teilen würden. Unser Schluss war die Frage, wie das Genossenschaftsprinzip auf die ganze Belegschaft ausgeweitet werden kann.
Diese Frage setzt voraus, dass es eine Belegschaft gibt. Die physische KI gibt Oppenheimers Gesetz eine neue Form. Die Genossenschaft der Zukunft muss keine Lohnarbeiter mehr einstellen, um den Kreis der Eigentümer klein zu halten. Sie stellt einfach niemanden mehr ein. Sie bleibt gerecht gegenüber denen, die schon drin sind, und wird nach außen zu einem geschlossenen Kreis von Eigentümern automatisierter Anlagen. Das ist besser als ein Konzern, weil der Ertrag wenigstens denen zufließt, die dort gearbeitet haben. Aber das Eigentum durch Arbeit endet dort, wo die Arbeit endet. Wer nicht mehr gebraucht wird, kommt nicht mehr hinein.
IV. Eigentum durch Zweck
Es gibt eine zweite Form, in der das Eigentum nicht an Menschen hängt, die Anteile besitzen: die Stiftung. Ihr gehört das Unternehmen, und sie selbst gehört niemandem. Sie hängt nicht an Personen, sondern an einem Zweck. Das macht sie für unsere Frage interessanter als die Genossenschaft, denn ein Zweck braucht keine Arbeit, um zu bestehen.
Ernst Abbe hat das vorgeführt. Er brachte bis 1891 seine Anteile an Zeiss in die Carl-Zeiss-Stiftung ein und gab ihr 1896 ein Statut, dessen Zweck weit über den Erhalt des Unternehmens hinausging. Die Beschäftigten bekamen einklagbare Rechte, und die Stiftung sollte die Wissenschaft und die Stadt Jena fördern. Das Unternehmen gehörte der Stiftung, sein Ertrag aber diente einem Gemeinwesen, nicht einem Eigentümer und auch nicht nur der Belegschaft. Übertragen auf die menschenleere Halle hieße das: Ihr Ertrag dient dem Zweck, für den die Stiftung gegründet wurde, auch wenn niemand mehr in ihr arbeitet. Und dieser Zweck kann eine Region sein, eine Stadt oder die Menschen, die früher in ihr gearbeitet haben.
In unserem Essay „Der lange Atem hat ein Ende“ haben wir gezeigt, woran diese Form krankt. Bei Bosch kontrolliert der Aufsichtsrat im Kern sich selbst, weil dieselben Leute in der Treuhand und im Aufsichtsrat sitzen. Eigentum ohne Eigentümer heißt auch Kontrolle ohne Haftung. Dazu kommt, dass viele unternehmensverbundene Stiftungen einen bescheideneren Zweck haben als Abbes Statut: den Erhalt des Unternehmens. Eine solche Stiftung erhält die Halle, aber nicht die Menschen. Die Stiftung ist also nur dann eine Antwort, wenn ihr Zweck über das Unternehmen hinausreicht und wenn jemand von außen nachsieht, ob die Verwalter ihn erfüllen.
V. Eigentum durch Zugehörigkeit
Es gibt eine dritte Form, und sie kommt von einer unerwarteten Seite, aus der Ölförderung. Seit 1982 zahlt der Bundesstaat Alaska jedem Einwohner jedes Jahr eine Dividende aus einem Fonds, in den ein Teil der Öleinnahmen fließt. 2025 waren es 1.000 Dollar pro Kopf, für Kinder wie für Rentner. Wer beteiligt wird, bestimmt nicht die Arbeit, sondern allein die Zugehörigkeit: Wer in Alaska lebt, erhält seinen Anteil am Ertrag, als wäre er Miteigentümer. Norwegen geht vom selben Gedanken aus und legt seine Öleinnahmen im größten Staatsfonds der Welt an, zahlt sie aber nicht an die Bürger aus, sondern führt sie dem Staatshaushalt zu.
Die Begründung ist beim Öl einfach. Es liegt im Boden, niemand hat es geschaffen, deshalb gehört es allen. Bei der automatisierten Halle scheint das nicht zu passen. Die Anlagen hat jemand gebaut und bezahlt.
Aber man muss genauer hinsehen, was eine lernende Maschine eigentlich ist. Sie lernt aus Daten, und diese Daten sind nichts anderes als die aufgezeichnete Erfahrung derer, die die Arbeit vorher getan haben. Der Roboter, der morgen einen Kabelbaum verlegt, hat es bei Menschen abgeschaut, die das jahrelang getan haben. Das Unternehmen, aus dem unser Motto stammt, sagt es selbst. Es habe „über viele Jahre strukturierte und kontextbezogene Daten gesammelt“ und sei deshalb für Partnerschaften mit den Herstellern humanoider Roboter „geradezu prädestiniert“. Denn ohne Daten und ohne das Training der Fähigkeiten übernehme auch ein technisch hervorragender Roboter keine wirtschaftlich sinnvolle Aufgabe: „Er kann eine schöne Hülle haben.“ Was diese Hülle füllt, nennt der Produktionsvorstand an anderer Stelle das „Erfahrungswissen“ der Mitarbeitenden. Es ist das gesammelte Können mehrerer Generationen von Arbeitern, aufgezeichnet in über hundert Werken, und es dient nicht nur in den eigenen Hallen. „Für Hersteller humanoider Roboter ist das sehr interessant.“ Wer dieses Wissen nutzt, hat es nicht allein geschaffen. In diesem Sinn ist das Wissen, das in den Maschinen steckt, mehr ein Bodenschatz als ein Produkt. Es wurde über Jahrzehnte abgelagert und wird jetzt gefördert.
Auch diese Form hat ihre Schwäche, und Alaska zeigt sie. Seit 2016 kürzen Gouverneure und Parlament die Dividende immer wieder, um Haushaltslöcher zu stopfen. Der Fonds gehört dem Staat, nicht den Bürgern, und auf eine bestimmte Höhe haben sie keinen Anspruch. Was allen gehören soll, verwaltet die Politik, und die Politik greift zu, wenn das Geld knapp wird.
VI. Drei Formen, eine Lücke
Wir haben also drei Formen, in denen der Ertrag nicht danach verteilt wird, wer Anteile gekauft hat, und jede scheitert an einer anderen Stelle:
Eigentum durch Arbeit trägt, solange die Arbeit gebraucht wird. Eigentum durch Zweck trägt, solange jemand die Verwalter kontrolliert. Eigentum durch Zugehörigkeit trägt, solange die Politik die Hände vom Fonds lässt.
Die physische KI schwächt die erste Form und macht die beiden anderen dringlicher. Eine fertige Lösung haben wir nicht. Aber man kann erkennen, was eine Lösung leisten müsste. Sie müsste das Eigentum an einen Zweck binden, der über das Unternehmen hinausreicht, wie bei Abbe. Sie müsste die Verwaltung einer Kontrolle unterwerfen, die nicht Teil des Kontrollierten ist, woran Stiftungsunternehmen wie Bosch bisher scheitern. Und sie müsste die Menschen, denen der Ertrag zusteht, so bestimmen, dass kein Parlament ihnen bei der nächsten Haushaltsnot ihren Anteil kürzen kann.
Für den Mittelstand gibt es ein Vorbild, das schon funktioniert. 1966 gründeten Steuerberater, die sich keinen eigenen Großrechner leisten konnten, die DATEV als Genossenschaft. Sie mieteten ihre Datenverarbeitung nicht bei einem Konzern, sondern bauten sie gemeinsam und besaßen sie selbst. Heute ist die DATEV eines der größten Softwarehäuser des Landes, und sie gehört immer noch ihren Mitgliedern. Auch das ist eine Genossenschaft, aber ihre Mitglieder sind nicht die Beschäftigten, sondern die Kanzleien, die die Plattform nutzen. Deshalb hängt diese Form nicht an der Arbeit in der Halle, sondern daran, wer die Plattform braucht. Was die Steuerberater mit der Datenverarbeitung gemacht haben, könnten Mittelständler mit der physischen KI tun: die Plattform besitzen, statt ihr die eigenen Daten abzuliefern.
VII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der erste Einwand ist der älteste: Jede Welle der Automatisierung hat am Ende mehr Arbeit geschaffen, als sie vernichtet hat. Die Maschinenstürmer hatten Unrecht. Wenn das auch diesmal gilt, bleibt der Hebel der Arbeit erhalten, und die Frage nach der menschenleeren Halle ist ein Übergangsproblem. Das ist möglich. Man sollte aber bedenken, dass die Löhne in England in der frühen Industrialisierung über Jahrzehnte stagnierten, obwohl die Produktivität stark stieg. Auch ein Übergang kann ein Menschenleben dauern.
Der zweite Einwand: Eine Dividende macht aus Menschen Empfänger. Würde und Zugehörigkeit kommen aus der Arbeit, nicht aus einer Überweisung. Dieser Einwand trifft. Er spricht aber nicht gegen die Frage, wem die Halle gehört, sondern gegen eine Antwort, die sich mit der Überweisung begnügt. Mondragón hat gezeigt, dass Eigentum auch Mitsprache bedeuten kann.
Der dritte Einwand betrifft das Tempo. Humanoide Roboter sind in unordentlichen Umgebungen noch weit von der Zuverlässigkeit entfernt, die eine Serienfertigung verlangt. Das stimmt. Aber Eigentumsordnungen ändern sich langsamer als Maschinen. Wer erst anfängt, darüber nachzudenken, wenn die Halle menschenleer ist, kommt zu spät.
Der vierte Einwand stammt aus dem Interview selbst. Deutschland stehe im Wettbewerb mit Standorten, deren Lohnkosten deutlich niedriger sind. Automatisierung und physische KI eröffneten die Möglichkeit, die Produktion hier wettbewerbsfähig zu halten, und mit ihr Entwicklung und Innovation. Als Beleg dient die Nadelfertigung, eine der ältesten Sparten des Hauses: Ohne Digitalisierung und Automatisierung wäre sie „möglicherweise heute nicht mehr wettbewerbsfähig“. Die Alternative zur menschenleeren Halle in Deutschland ist also womöglich nicht die volle Halle in Deutschland, sondern die volle Halle in Asien. Dann vernichtet die Automatisierung keine Arbeit, sie rettet einen Rest davon.
Dieser Einwand hat Gewicht. Er beantwortet unsere Frage aber nicht, er verschärft sie. Wenn die Produktion bleibt oder zurückkommt, die Arbeit aber nicht, dann kommt der Ertrag zurück, ohne dass er über Löhne verteilt wird. Wem er zufließt, entscheidet dann allein das Eigentum.
Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass in den am stärksten automatisierten Branchen und Regionen die Zahl der Beschäftigten und ihr Anteil am Ertrag nicht sinken.
VIII. Die menschenleere Halle
Die Frage, wem die Arbeit gehört, hat das neunzehnte und das zwanzigste Jahrhundert beschäftigt. Die Arbeiter haben sie gestellt, weil man sie brauchte. Die Frage, wem die Maschine gehört, die die Arbeit übernimmt, muss gestellt werden, bevor man niemanden mehr braucht, der sie stellen könnte.
Wem gehört eine Halle, in der niemand mehr arbeitet: denen, die ihre Aktien halten, oder denen, deren Können in ihren Maschinen steckt?