Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 4. Oktober 2026

Was wurde aus den Champions?

Vorbilder altern. Die Listen, auf denen sie stehen, altern nicht mit.

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“
Heraklit, nach Platon

I. Die Vitrine

In vielen Vereinsheimen steht eine Vitrine mit Pokalen. Kreismeister 1987, Aufstieg 1994, Pokalsieger 2003. Die Pokale glänzen, solange jemand sie abstaubt. Über die Mannschaft von heute sagen sie nichts. Sie zeigen, wer einmal gewonnen hat, nicht, wer heute noch gewinnt.

Listen mit Vorbildern sind solche Vitrinen. Man nennt sie „Best Practices“, und sie sind nützlich, weil sie zeigen, dass etwas möglich ist. Aber ein Vorbild ist kein Denkmal. Es ist ein lebendiges Gebilde, das gepflegt werden muss, oder es verfällt. Wer eine Liste von Vorbildern führt, muss also immer wieder nachsehen, was aus ihnen geworden ist.

II. Die Liste

In „Die ungehörten und vergessenen Rufer in der Wüste“ haben wir Hubertus Hoffmann vorgestellt, der 2021 ein Buch mit zweihundert Reformvorschlägen vorgelegt hat. Seine Plattform „Mission Future“ führt den Gedanken weiter. In zwölf Handbüchern, von Wohnen über grüne Städte bis zur Demokratie, stellt sie „Golden Global Champions“ vor, weltweite Vorbilder, die man übernehmen solle. Die Seite verspricht, die Vorbilder würden „täglich geprüft und aktualisiert“.

Wir haben das getan, was die Seite verspricht. Wir haben etwa zwei Dutzend dieser Champions herausgegriffen, die sich überprüfen lassen, weil es konkrete Projekte sind und nicht bloß gelobte Länder oder Personen. Dann haben wir nachgesehen, wie es ihnen heute geht. Das Ergebnis ist kein Urteil über Hoffmann. Seine Auswahl ist überwiegend klug. Es ist ein Lehrstück darüber, wie Vorbilder altern.

III. Was trägt

Wien ist das Vorbild, das am besten gehalten hat. Mehr als sechzig Prozent der Wiener wohnen in Gemeindebauten oder in geförderten Wohnungen gemeinnütziger Bauträger. Die Stadt hat damit in den 1920er Jahren begonnen, und sie hat nie damit aufgehört. Auch Singapur, wo drei Viertel der Bürger in Wohnungen der staatlichen Wohnbaubehörde leben, meist als Eigentümer, steht noch so da, wie es beschrieben wird. Die Behörde wurde 1960 gegründet.

Estland hat seine digitale Verwaltung seit der Beschreibung sogar ausgebaut. Die Steuererklärung ist in wenigen Minuten erledigt, weil der Staat die Formulare schon ausgefüllt hat. Die mehr als dreihundert begrünten Bushaltestellen in Utrecht gibt es, und der grüne Bunker in Hamburg-St. Pauli ist 2024 fertig geworden, mit einem Bergpfad bis aufs Dach.

Und dann ist da Brünn. 2015 erklärte der Stadtrat sein Bedauern über den Todesmarsch, auf den im Mai 1945 rund zwanzigtausend Deutsche aus der Stadt getrieben wurden. Aus der Erklärung wurde ein jährlicher Pilgerweg in umgekehrter Richtung und ein Festival. 2026 tagten die Sudetendeutschen erstmals in Brünn, obwohl das tschechische Abgeordnetenhaus die Absage verlangt hatte. Tausende gingen den Pilgerweg mit. Eine Geste, die Wurzeln geschlagen hat.

Was diese Fälle verbindet: Hinter keinem steht eine Kampagne. Hinter jedem steht eine Einrichtung, die über Jahrzehnte arbeitet, oder eine Gemeinschaft, die eine Geste jedes Jahr wiederholt.

IV. Was kippt

Finnland galt als das Land, das die Obdachlosigkeit fast besiegt hatte. Der Grundsatz „Housing First“ ist einfach: Zuerst bekommt der Mensch eine Wohnung, dann kümmert man sich um alles andere, statt umgekehrt. Über drei Jahrzehnte sank die Zahl der Obdachlosen um etwa drei Viertel. Dann kürzte die Regierung ab 2023 Wohngeld und Sozialhilfe und strich die Zuschüsse für den Bau solcher Wohnungen fast ganz. 2025 stieg die Obdachlosigkeit so stark wie nie seit Beginn der Zählung. Das Modell ist nicht gescheitert. Man hat aufgehört, es zu bezahlen.

Uganda wurde dafür gelobt, dass es Flüchtlinge nicht in Lager sperrt, sondern ihnen Land gibt und sie arbeiten lässt. Heute leben dort rund zwei Millionen Flüchtlinge, und die internationale Hilfe ist auf einen Bruchteil geschrumpft. Die Parzellen sind kleiner geworden, die Lebensmittelhilfe wurde mehr als halbiert, und seit Ende 2025 erhalten Neuankömmlinge aus einigen Ländern keinen Flüchtlingsstatus mehr. Kanada, das Hoffmann den „weltweiten Maßstab“ nennt, hat die private Patenschaft für Flüchtlinge, sein bestes Instrument, 2024 für neue Gruppen ausgesetzt und die Einwanderung insgesamt gekürzt, weil Wohnungen fehlen und die Stimmung gekippt ist.

Diese drei Fälle zeigen dasselbe. Ein Vorbild ist kein Zustand, sondern eine Leistung, die jedes Jahr neu erbracht werden muss. Wer aufhört zu zahlen, verliert in wenigen Jahren, was in Jahrzehnten aufgebaut wurde. In „Der Markt wird es schon richten“ haben wir das am Beispiel der Feuerwehr beschrieben: In den Jahren, in denen nichts brennt, scheint sie überflüssig.

V. Was geschönt war

Salt Lake City meldete um 2015, die chronische Obdachlosigkeit sei um 91 Prozent gesunken. Die Zahl ging um die Welt, und die Stadt wurde zum Pilgerort für Sozialpolitiker. Ein Jahr später zeigte ein Ökonom, dass sich in diesen Jahren vor allem die Zählweise geändert hatte. Die Behörden räumten das ein. 2025 zählte Utah so viele Obdachlose wie nie zuvor, und der Gouverneur wendet sich inzwischen vom Modell ab.

Das ist die Gefahr jeder Erfolgsgeschichte: Sie wird lieber erzählt als überprüft. Bei Taiwan heißt es auf Hoffmanns Seite, die Hälfte der Bürger nutze die Beteiligungsplattform der Regierung. Belegt sind deutlich weniger, und die bekannte Diskussionsplattform vTaiwan hatte nie mehr als einige tausend Aktive. Bei Reykjavík heißt es, die Hälfte der Einwohner mache mit. An den jährlichen Abstimmungen über Stadtteilprojekte beteiligt sich etwa jeder Achte. Das ist für Bürgerbeteiligung ein guter Wert. Es ist nur nicht die Hälfte.

Mailand wollte bis 2030 drei Millionen Bäume pflanzen. Anfang 2024 war die Stadt bei rund sechshunderttausend, und die Dürre von 2022 hatte ein Viertel der jungen Bäume getötet. Der berühmte „senkrechte Wald“, zwei Hochhäuser mit Bäumen auf den Balkonen, wird als leicht nachzuahmen gepriesen. Er braucht eine eigene Mannschaft von Baumpflegern, die an Seilen die Fassade abklettern.

VI. Was aufgegeben wurde

Barcelona plante 503 „Superblocks“, Häuserviertel, aus denen der Durchgangsverkehr verbannt wird. Wo sie gebaut wurden, sank die Luftbelastung messbar. Gebaut wurden wenige. Ein Gericht ordnete an, eine der neuen grünen Achsen zurückzubauen, und 2024 erklärte die neue Stadtregierung, sie werde das Modell nicht wiederholen, weil es pro Block ein Vielfaches einer gewöhnlichen Straße koste.

Die Vereinigten Arabischen Emirate, die Hoffmann als Pioniere einer Politik des Glücks feiert, haben ihr Glücksministerium schon 2020 abgeschafft und die Aufgaben einem anderen Ministerium übertragen. Die Niederlande, als Vorbild für sozialen Wohnungsbau genannt, stecken in einer schweren Wohnungsnot. In Amsterdam wartet man rund zwölf Jahre auf eine Sozialwohnung.

VII. Der Garten

Auf seiner Seite schreibt Hoffmann, eine gute Politik des Glücks müsse geplant, angelegt und gepflegt werden „wie ein guter Garten“. Das ist das treffendste Bild auf der ganzen Seite, und es gilt auch für seine Liste. Ein Garten, den man einmal fotografiert und nie wieder besucht, ist nach fünf Jahren nicht mehr der Garten auf dem Foto.

Aus unserer Durchsicht lassen sich drei Lehren ziehen. Erstens: Vorbilder, die halten, sind fast immer Einrichtungen mit langem Atem, keine Kampagnen. Wiens Gemeindebau hat ein Jahrhundert überdauert, weil er nicht von einer einzelnen Regierung abhing. Zweitens: Erfolge sind umkehrbar, und zwar schneller, als sie entstanden sind. Wer spart, wo es gerade gut läuft, spart am Erfolg selbst. Drittens: Eine Erfolgszahl ist erst dann etwas wert, wenn man weiß, wie gezählt wurde.

In „Die Rufer in der Wüste“ haben wir vorgeschlagen, die Warnung von der Person zu lösen und in eine Regel zu verwandeln. Für Vorbilder gilt dasselbe. Ein Vorbild taugt nur so lange, wie jemand regelmäßig nachsieht, ob es noch eines ist.

VIII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre

Der naheliegende Einwand: Jede Liste ist eine Momentaufnahme, und es ist billig, sie Jahre später mit dem Wissen von heute zu prüfen. Das stimmt. Wir werfen Hoffmann nicht vor, dass seine Vorbilder sich verändert haben. Das tun alle Vorbilder. Wir halten nur fest, dass eine Liste, die tägliche Aktualisierung verspricht, mit der Wirklichkeit Schritt halten sollte.

Der zweite Einwand: Ein Vorbild, das später kippt, war trotzdem ein Vorbild. Auch das stimmt. Helsinki hat heute immer noch weit weniger Obdachlose als vor dreißig Jahren. Der Rückschlag beweist nicht, dass „Housing First“ falsch war, sondern dass es nur wirkt, solange man es betreibt. Gerade das ist die Lehre, die eine Liste von Vorbildern mitliefern müsste.

Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass Vorbilder, die über Jahre unverändert gelobt werden, im Durchschnitt so gut halten wie am ersten Tag.

IX. Der Fluss

Heraklit sagte, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen, weil immer neues Wasser nachströmt. Ein Vorbild ist ein solcher Fluss. Wer heute nach Helsinki, Barcelona oder Salt Lake City fährt, um zu lernen, findet nicht mehr, was vor fünf Jahren beschrieben wurde. Manchmal findet er etwas Besseres, oft etwas Schlechteres, immer etwas anderes.

Wer pflegt die Vorbilder, wenn die Begeisterung vorbei ist und die Fotografen abgereist sind?

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 4. Oktober 2026.

Verwandte Texte: „Die ungehörten und vergessenen Rufer in der Wüste“ · „Der Markt wird es schon richten – oder auch nicht!“ · „Die Ignoranz und Ineffizienz des deutschen Kastenwesens und ihre Prokrustesbetten“.

Quellen. Die Vorbilder: Mission Future, Handbücher zu Wohnen, Obdachlosigkeit, grünen Städten, Demokratie, Glück, Migration und Versöhnung (englisch), abgerufen am 4. Oktober 2026. Wien: Stadt Wien, The Vienna Model. Singapur: HDB Key Statistics 2025 (englisch). Estland: Invest in Estonia (englisch). Utrecht: Gemeente Utrecht (englisch). Hamburg: Grüner Bunker St. Pauli. Brünn: Radio Prag, 2015 (englisch); Meeting Brno 2026 (englisch). Finnland: Varke, Obdachlosigkeit 2025 (englisch); Y-Säätiö (englisch). Uganda: Refugees International (englisch); WFP (englisch). Kanada: Regierung von Kanada (englisch); Environics Institute 2025 (englisch). Salt Lake City: Deseret News, 2016 (englisch); Utah News Dispatch, 2026 (englisch). Taiwan: Bertelsmann Stiftung (englisch). Reykjavík: Stadt Reykjavík (isländisch). Mailand: Il Giorno (italienisch); Bosco Verticale (englisch). Barcelona: El Nacional, 2024 (englisch). Emirate: The National, 2020 (englisch). Niederlande: NL Times, 2026 (englisch); NL Times, 2023 (englisch). Englische Fassung verfügbar.