Die Konstruktion der Gnade
Die Natur kennt keine Gnade. Maschinen haben sie gelernt. Wirtschaft und Politik könnten es auch.
„Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang. Sie träufelt, wie des Himmels milder Regen, zur Erde unter ihr.“
Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig, übersetzt von August Wilhelm Schlegel
I. Das gleichgültige Universum
Das Universum stellt uns zur Verfügung, was wir zum Leben brauchen: Licht, Wasser, Luft, einen Boden, auf dem etwas wächst. Darüber hinaus ist es an uns nicht interessiert. Ein Erdbeben fragt nicht, wer im Haus schläft, eine Flut nicht, wessen Feld sie verschlingt. Warum es überhaupt Leben gibt und warum wir ausgerechnet hier leben können, wissen wir nicht.
Die Menschen haben darauf sehr verschiedene Antworten gegeben. Die einen sehen eine gute höhere Macht, die alles für uns eingerichtet hat, und eine böse, die das gute Werk beschädigt. Andere halten das Böse für den unvermeidlichen Preis der Existenz: Wo etwas geschaffen wird, kommen Gutes und Schlimmes zwangsläufig zusammen. Ob wir eine ewige höhere Macht annehmen oder ein ewiges Universum, beides übersteigt unseren Verstand. Für diesen Essay genügt eine Feststellung, die in jeder dieser Deutungen gilt: In der Natur, wie wir sie erleben, gibt es keine Gnade. Gnade ist etwas, das Menschen in die Welt bringen. Sie ist, wenn man so will, eine Erfindung.
II. Die gnadenlose Maschine
Die ersten Maschinen der Industrie waren so gnadenlos wie die Natur. Transmissionsriemen liefen offen durch die Werkhallen, Zahnräder lagen frei, Pressen kannten keinen Unterschied zwischen einem Blech und einer Hand. Wer in den Webereien und Hütten des 19. Jahrhunderts arbeitete, verlor leicht einen Finger, einen Arm oder das Leben. Die Maschine war eine neue Naturgewalt, nur von Menschen gebaut.
Heute steht die Drehmaschine hinter einer Schutzhaube, die sich nur öffnen lässt, wenn die Spindel steht. Die Presse senkt sich erst, wenn der Bediener beide Hände auf zwei getrennte Knöpfe legt, sodass keine Hand im Werkzeug sein kann. Die Lokomotive bremst von selbst, wenn der Lokführer nicht mehr in regelmäßigen Abständen bestätigt, dass er wach ist. Und es gibt Tischkreissägen, die ihr Sägeblatt in wenigen Tausendstelsekunden stillsetzen, sobald es menschliche Haut berührt. Das Holz schneiden sie so gnadenlos wie jede andere Säge. Den Finger verschonen sie.
Die Maschine ist dabei nicht schwächer geworden. Sie trennt Stahl mit derselben Kraft wie früher. Sie hat nur gelernt zu unterscheiden, wem gegenüber sie gnadenlos sein darf und wem gegenüber nicht.
III. Wie die Gnade in die Maschine kam
Man könnte meinen, die Ingenieure seien eben menschlicher geworden. Das ist nicht falsch, aber es erklärt wenig. Der entscheidende Schritt in Deutschland war ein Gesetz. Mit dem Unfallversicherungsgesetz von 1884 mussten die Unternehmer in Berufsgenossenschaften selbst für die Unfälle in ihren Betrieben aufkommen. Und die Berufsgenossenschaften erhielten das Recht, Vorschriften zur Unfallverhütung zu erlassen. Von da an kostete jeder verlorene Arm den Betrieb Geld. Gnädig zu konstruieren wurde billiger als gnadenlos zu konstruieren.
Die Gnade kam also nicht als Gesinnung in die Maschine, sondern als Rechnung und als Regel. Sie hängt seither nicht mehr davon ab, ob der einzelne Konstrukteur ein gütiger Mensch ist. Sie ist in die Bedingungen eingebaut, unter denen jeder Konstrukteur arbeitet. Shakespeares Porzia sagt, die Gnade wisse von keinem Zwang und falle wie milder Regen vom Himmel. Das ist schön, aber in der Werkhalle verlässt man sich besser nicht auf das Wetter.
IV. Der Widerspruch
In Wirtschaft und Politik scheint diese Lösung unmöglich. Ein Unternehmen, das aus Gnade auf den Wettbewerb verzichtet, verschwindet vom Markt und mit ihm die Arbeitsplätze, die es schonen wollte. Ein Staat, der aus Gnade auf seine Verteidigung verzichtet, wird von einem weniger gnädigen Nachbarn überrannt. Gnade kann dort nicht das vorherrschende Kriterium sein. Und doch erleben wir die Gnadenlosigkeit von Märkten und Kriegen als das, was sie ist: als Leid, das niemand verdient hat.
Erfinder kennen solche Lagen. Eine Sache soll zugleich eine Eigenschaft haben und ihr Gegenteil, hart und weich, schnell und sicher, gnadenlos und gnädig. In der Erfindungsmethodik TRIZ, die der sowjetische Ingenieur Genrich Altschuller aus Tausenden von Patenten gewonnen hat, heißt das ein physikalischer Widerspruch. Er wird nicht durch einen Kompromiss gelöst, bei dem beide Seiten verlieren, sondern durch Trennung. Man trennt die beiden Eigenschaften nach dem Gegenstand, nach der Zeit, nach der Bedingung oder nach der Ebene des Systems. Die Säge, die das Holz schneidet und den Finger verschont, trennt nach dem Gegenstand.
V. Vier Trennungen
Wendet man diese Werkzeuge auf Wirtschaft und Politik an, stellt man fest, dass viele Lösungen längst existieren. Man hat sie nur nie als Erfindungen betrachtet.
Nach dem Gegenstand: gnadenlos in der Sache, gnädig zur Person. Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung, in Deutschland seit 1892, erlaubt es, ein Unternehmen scheitern zu lassen, ohne dass der Unternehmer mit Haus und Hof untergeht. Das Kapital trägt das Risiko, nicht die Familie. Dasselbe gilt für eine gute Analyse. Sie muss gnadenlos gegenüber Illusionen sein, nicht gegenüber Menschen. Eine gnädige Analyse schont die Illusion und schadet damit am Ende denen, die sich auf sie verlassen.
Nach der Zeit: gnadenlos im Wettbewerb, gnädig nach dem Scheitern. Bis 1868 konnten Schuldner in deutschen Ländern ins Gefängnis gesteckt werden. Heute erlaubt das Insolvenzrecht nach einigen Jahren eine Befreiung von den restlichen Schulden. Der Markt darf ein Unternehmen vernichten, aber nicht mehr das Leben des Unternehmers.
Nach der Ebene: gnadenlos im Einzelnen, gnädig im Ganzen. Das war der Gedanke der sozialen Marktwirtschaft, wie Ludwig Erhard sie verstand. Unten konkurrieren die Unternehmen ohne Schonung, darüber spannt sich ein Netz, das den Einzelnen auffängt, wenn er fällt.
Nach der Bedingung: gnadenlos im Kampf, gnädig gegenüber dem Wehrlosen. 1859 sah der Genfer Kaufmann Henry Dunant das Schlachtfeld von Solferino mit Tausenden unversorgter Verwundeter. 1864 unterzeichneten zwölf Staaten die erste Genfer Konvention. Selbst im Krieg, dem gnadenlosesten aller menschlichen Unternehmen, gibt es seither Regeln, die Verwundete und Gefangene schützen sollen. Sie werden oft gebrochen. Aber sie haben verändert, woran man einen Krieg misst.
VI. Wo die Schutzhaube fehlt
Aus der Geschichte der Maschine lässt sich eine Regel ableiten: Gnade entsteht verlässlich dort, wo die Kosten der Gnadenlosigkeit bei dem landen, der sie verursacht. Wo man sie auf andere abwälzen kann, fehlt die Schutzhaube.
2013 stürzte in Bangladesch das Fabrikgebäude Rana Plaza ein, mehr als tausend Näherinnen starben. Die Kleider, die dort genäht wurden, hingen in europäischen Geschäften, und die Firmen, die sie bestellt hatten, trugen von den Folgen kaum etwas. Erst Jahre später verpflichteten Lieferkettengesetze die Auftraggeber, auf die Bedingungen bei ihren Zulieferern zu achten. Sie wurden bald wieder abgeschwächt. In „Der Markt wird es schon richten“ haben wir beschrieben, wie die Lasten leerer Gasspeicher am Ende bei denen landen, die nicht gefragt wurden. Und in der Politik ist das Muster am ältesten: Die Kriege werden selten von denen geführt, die sie beschließen.
Die Konstruktionsaufgabe heißt in all diesen Fällen gleich. Nicht die Gnade predigen, sondern die Rechnung so bauen, dass Gnadenlosigkeit teurer wird als Gnade.
VII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre
Der erste Einwand: Konstruierte Gnade kann an der falschen Stelle sitzen. 2008 wurden Banken mit Steuergeld gerettet, weil sie „zu groß zum Scheitern“ waren. Das war Gnade, aber für die Verursacher, bezahlt von denen, die nichts verursacht hatten. Eine Schutzhaube, die den Bediener der Maschine schützt und dafür den Nachbarn verletzt, ist keine Lösung. Das stimmt, und es zeigt, dass es nicht reicht, Gnade einzubauen. Man muss genau konstruieren, für wen.
Der zweite Einwand: Gnade, die man berechnen kann, kann man auch kaufen. Wer reich genug ist, zahlt die Strafe und macht weiter. Auch das trifft zu. Die Unfallversicherung wirkte, weil die Beiträge mit den Unfällen stiegen und weil die Berufsgenossenschaften die Betriebe kontrollierten. Eine Rechnung ohne Kontrolle ist eine Preisliste.
Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass Märkte und Staaten, die Gnade als Konstruktionsbedingung einbauen, dauerhaft unterlegen sind gegenüber denen, die es nicht tun.
VIII. Eine Aufgabe für Erfinder
Die Natur wird uns keine Gnade schenken, und auf den milden Regen vom Himmel sollten wir uns nicht verlassen. Aber Menschen haben bewiesen, dass sie Gnade bauen können, in Maschinen, in Gesetzen, sogar in Regeln für den Krieg. Die Maschine von heute ist nicht weniger leistungsfähig als die von 1880. Sie ist nur klüger konstruiert.
Wenn wir gelernt haben, einer Säge beizubringen, den Finger zu verschonen: Warum sollte es unmöglich sein, einem Markt oder einem Staat dasselbe beizubringen?