Der eingebettete Vordenker
Wang Huning hat drei Parteichefs ihre Leitbegriffe geliefert. Was wird aus einem Denker, der selbst zum Amt wird?
Aus der Reihe Die Leiter der Leitenden · Teil II, Die Lebenden
Die Reihe fragt, welche Ideologien und Vordenker hinter den Mächtigen stehen und was sie tatsächlich bewirken. Sie geht Fall für Fall vor; jeder Text steht für sich. Die Typologie folgt am Ende, nicht am Anfang.
„Ich bin jetzt im System.“
Wang Huning zu einem amerikanischen Wissenschaftler, der ihn nach Jahren wiedersehen wollte
I. Im System
Die Vordenker dieser Reihe stehen neben der Macht. Iwan Iljin, über den wir in „Die Gebeine aus Zollikon“ geschrieben haben, ist seit siebzig Jahren tot und spricht nur noch durch Zitate. Fritz Kraemer, „Der unsichtbare Lehrmeister“, lehnte jedes Amt von Rang ab und wirkte durch seine Schüler. Peter Thiel, „Der Stein, der zurückblickt“, wirkt durch sein Geld. Keiner von ihnen sitzt selbst am Tisch, an dem entschieden wird.
Wang Huning sitzt dort. Er gehört dem Ständigen Ausschuss des Politbüros an, dem siebenköpfigen Gremium, das China regiert, und steht in der Rangfolge an vierter Stelle. Seit 2023 leitet er die Politische Konsultativkonferenz des Volkes. Im Februar 2026 empfing er Abgesandte der taiwanischen Kuomintang, im Juli führte er eine Delegation nach Nordkorea, Ende September sprach er über die „nationale Wiedergeburt“. Er ist der Fall, in dem der Vordenker und der Mächtige dieselbe Person geworden sind, oder fast.
II. Der Junge, der Mao abschreiben musste
Wang wurde 1955 in Shanghai geboren. Seine Eltern hatten in der Roten Armee gekämpft, der Vater wurde in der Kulturrevolution verfolgt. Um seine drei Söhne von der Straße fernzuhalten, schloss er sie ein und ließ sie die Werke Maos abschreiben. Nach Nixons Besuch 1972 lernte Wang Französisch, später studierte er an der Fudan-Universität internationale Politik. Seine Abschlussarbeit handelte von den westlichen Theorien der Souveränität. 1985, mit 29 Jahren, wurde er der jüngste außerordentliche Professor seines Fachs in China.
Bekannt wurde er mit einer These, die man „Neoautoritarismus“ nannte. Ein Land im raschen Umbruch brauche eine starke Führung, um stabil zu bleiben und sich zugleich zu reformieren. Später sagte er es so: Eine starke zentrale Autorität sei die grundlegende Garantie dafür, die Modernisierung schnell, stabil und zu relativ geringen Kosten zu erreichen. Politische Systeme, schrieb er, müssten in den historischen, sozialen und kulturellen Bedingungen eines Landes wurzeln. Man könne sie nicht verpflanzen. Darin liegt schon die Erklärung, warum eine westliche Hoffnung enttäuscht wurde, die wir in „Bald fällt die nächste Illusion über China“ beschrieben haben: dass China mit wachsendem Wohlstand von selbst demokratisch werde.
III. Dreißig Städte
1988 verbrachte Wang sechs Monate als Gastwissenschaftler in den Vereinigten Staaten, an der University of Iowa und in Berkeley, und reiste durch rund dreißig Städte. Daraus wurde 1991 das Buch „Amerika gegen Amerika“. Es ist kein Pamphlet. Wang bewundert die Kreditkarte, die Denkfabriken, die friedliche Übergabe der Macht und den Blick vom Sears Tower. Aber er sieht einen Widerspruch, der durch alles hindurchgeht: Freiheit und Gleichheit stehen gegeneinander, und die Freiheit siegt fast immer.
Seine Diagnose ist hart. Die eigentliche Zelle der amerikanischen Gesellschaft sei nicht die Familie, sondern der Einzelne. Alles könne zur Ware werden, „menschliches Fleisch, Sex, Wissen, Politik, Macht und Recht“. Eine Gesellschaft ohne gemeinsame Grundwerte bekomme Schwierigkeiten, sich politisch zu ordnen, und am Ende stünden Chaos und moralische Krise. Er sah eine „unaufhaltsame Unterströmung der Krise“. Als im Januar 2021 Demonstranten das Kapitol stürmten, wurden gebrauchte Exemplare des längst vergriffenen Buches in China für rund 2.500 Dollar gehandelt.
IV. Der Lehrer dreier Kaiser
1995 holte Parteichef Jiang Zemin den Professor nach Peking, in das Zentrale Politikforschungsbüro der Partei. Wang leitete es von 2002 bis 2020, länger als jeder andere. In dieser Zeit lieferte er drei Parteichefs ihre Leitbegriffe. Für Jiang die „Drei Vertretungen“, mit denen die Partei sich für Unternehmer öffnete. Für Hu Jintao das „Wissenschaftliche Entwicklungskonzept“ und die „Harmonische Gesellschaft“. Für Xi Jinping den „Chinesischen Traum“, die „Modernisierung chinesischer Prägung“ und die „Xi-Jinping-Ideen“. Er schrieb auch den ersten chinesischen Fachaufsatz über „weiche Macht“, lange bevor Peking begann, sie in der Welt systematisch zu fördern.
In unserem Buch „Die chinesische Form der Megamaschine“ haben wir die Logik beschrieben, nach der sich Herrschaft in China seit drei Jahrtausenden rechtfertigt: das Mandat des Himmels, Tianming. Legitim ist nicht, wer gewählt oder gesalbt wurde, sondern wer sich bewährt. Wer die Ordnung gut verwaltet, hat das Mandat, wer scheitert, verliert es. Nach dem Ende des Weltkommunismus, so haben wir dort argumentiert, kann sich die Partei nur noch als Trägerin dieser Tradition rechtfertigen, und genau das tut sie: Die „Harmonische Gesellschaft“ nimmt Konfuzius auf, der „Chinesische Traum“ verbindet marxistische Entwicklung mit der Wiederherstellung alter Größe. Wer diese Rückbindung an die Tradition in Begriffe gegossen hat, haben wir im Buch nicht gefragt. Die Spur führt zu Wang. Sein Neoautoritarismus ist die moderne Fassung der Bewährungslogik: eine starke Mitte, gemessen an ihrem Erfolg. Was der Traum für die Menschen bedeutet, wenn Maschinen ihre Arbeit übernehmen, haben wir in „Zwei Träume, eine Maschine“ gefragt.
In China nennt man ihn im Netz guoshi, Lehrer der Nation, einen Titel, den früher die Berater der Kaiser trugen. Bemerkenswert ist, wie er drei Herrscher überlebte, deren Lager einander nicht wohlgesonnen waren. Er hat nie eine Provinz regiert, nie eine eigene Hausmacht aufgebaut, keine Interviews gegeben und sich aus der akademischen Welt völlig zurückgezogen. Er gilt als schlaflos, arbeitsbesessen und verschlossen. Er liest gern Ritterromane. Seine erste Ehe zerbrach, nachdem er 1996 in den Regierungsbezirk Zhongnanhai gezogen war. In einem Buch von 1994 schrieb er, sein Lebensziel sei gewesen, Bücher zu schreiben und Studenten zu unterrichten.
V. Die Diagnose wird zur Therapie
Wer Wangs Buch über Amerika liest und dann auf Chinas Politik schaut, erkennt manches wieder. 2021 begrenzte Peking die Spielzeit von Kindern an Computerspielen auf drei Stunden pro Woche, nannte Onlinespiele „geistiges Opium“, zerschlug die Macht der großen Technologiekonzerne, ließ Prominente aus dem Netz verschwinden und erklärte, der Kulturmarkt werde „kein Paradies mehr für verweichlichte Stars“ sein. Der amerikanische Publizist N. S. Lyons hat diese Maßnahmen 2021 als Wangs Programm gedeutet: Was er in Amerika als Zerfall gesehen hatte, sollte China erspart bleiben.
Belegt ist dieser Zusammenhang nicht. Die Partei schreibt ihre Beschlüsse niemandem zu außer sich selbst und ihrem Generalsekretär. Aber er ist plausibel, und er führt zu einer bitteren Pointe. Die Krankheiten, die Wang in Amerika beschrieben hat, sind in China trotzdem angekommen: die Vereinzelung, die Ungleichheit, die Kinderlosigkeit. Und die jungen Leute haben ein eigenes Wort dafür gefunden, tang ping, flach liegen. In „Wo der Hebel nie war“ haben wir beschrieben, dass im August 2026 fast jeder fünfte junge Mensch in Chinas Städten ohne Arbeit war. Eine starke Mitte kann vieles verbieten. Den Sinn, den sie den Menschen geben will, kann sie nicht verordnen.
VI. Der Preis des Platzes
Für diese Reihe ist Wang ein Grenzfall. Wir unterscheiden den Einflüsterer, der redet, den Hoftheoretiker, der rechtfertigt, und den Lehrmeister, der formt. Wang ist alles drei und zugleich keines davon. Er redet nicht, denn er schweigt öffentlich. Er rechtfertigt nicht nur, denn er entwirft. Und er formt keine Schüler, er formt Begriffe, die unter dem Namen eines anderen erscheinen.
Kraemer und Wang haben die Frage, wie nah ein Denker der Macht kommen soll, gegensätzlich beantwortet. Kraemer blieb ein einfacher Beamter, damit er sagen konnte, was er dachte, und als ihm sein Schüler Kissinger zu weich wurde, sprach er dreißig Jahre nicht mehr mit ihm. Wang ist ganz nach oben gegangen und hat dafür seine eigene Stimme hergegeben. Seine Gedanken sind überall, sein Name steht unter keinem davon. „Ich bin jetzt im System“ ist die genaueste Beschreibung dieses Tausches. Der eingebettete Reporter sieht den Krieg nur aus dem Fahrzeug der Truppe, die ihn mitnimmt. Der eingebettete Vordenker denkt nur noch, was innerhalb des Systems gedacht werden darf.
Damit verändert sich die Frage, die über dieser Reihe steht: Wer leitet die Leitenden? Bei Wang lässt sich das nicht mehr trennen. Der Leiter ist selbst ein Teil des Stromkreises geworden. Ob er den Strom noch lenkt oder nur noch leitet, was die Spitze durchlassen will, kann von außen niemand sagen. Vielleicht kann er es selbst nicht mehr.
Im Buch haben wir über Xi Jinping geschrieben, er sei nicht charismatisch geboren, sondern werde charismatisch gemacht, durch die Institutionen, die um ihn herum gebaut werden, und durch die Rede von der Wiedergeburt der Nation bis 2049. Wer macht ihn dazu? Die „Xi-Jinping-Ideen“, 2017 in das Parteistatut und 2018 in die Verfassung aufgenommen, werden in den meisten Darstellungen vor allem Wang zugeschrieben. Damit hat der eingebettete Vordenker die Spannung, die wir im Buch beschrieben haben, selbst mit erzeugt. Die alte Bewährungslogik misst jeden Herrscher an seinem Erfolg. Eine Lehre, die den Namen eines Mannes trägt und auf ein festes Ziel zuläuft, hebt ihn über diese Prüfung hinaus. Ein Mandat, das an eine Person gebunden ist, kann nicht mehr verloren gehen, ohne dass die Person fällt.
VII. Woran dieser Text zu widerlegen wäre
Der erste Einwand: Wangs Einfluss wird im Westen überschätzt. Die chinesische Politik ist undurchsichtig, und westliche Beobachter suchen gern einen Kopf hinter den Kulissen, weil das leichter zu erzählen ist als ein Apparat. Entscheidend sei Xi selbst. Das ist ernst zu nehmen. Belegt sind Wangs Ämter, seine Bücher und die zeitliche Folge der Leitbegriffe. Wie viel davon aus seiner Feder stammt, wissen nur die Beteiligten.
Der zweite Einwand: Wang sei gar kein eigenständiger Denker mehr, sondern ein Beamter, der jedem Herrscher liefert, was dieser braucht. Dass er drei Parteichefs mit sehr unterschiedlichen Vorhaben gedient hat, spricht dafür. Aber gerade dann wäre er der reinste Fall eines Leiters: einer, der nicht bestimmt, was durchfließt, sondern dafür sorgt, dass es fließt.
Widerlegt wäre dieser Text, wenn sich zeigen ließe, dass die großen Leitbegriffe der letzten dreißig Jahre ohne Wang entstanden sind.
VIII. Die letzte Aufgabe
Seit 2023 ist Wang stellvertretender Leiter der Führungsgruppe für Taiwan. Er soll eine Theorie entwerfen, die das alte Versprechen „ein Land, zwei Systeme“ ersetzt. Das Versprechen hatte Hongkong gegolten, und Hongkong hat gezeigt, was davon übrig blieb. Der Mann, der vor fünfunddreißig Jahren die Widersprüche Amerikas beschrieben hat, soll nun eine Formel finden, mit der man eine freie Gesellschaft für den Anschluss an eine unfreie gewinnt.
Ein Denker, der zum Amt geworden ist, kann vieles. Nur eines kann er nicht mehr: aus dem System hinaustreten und sagen, dass seine eigene Formel nicht aufgeht.