Über die berühmteste Loyalitätsformel des Westens, ihre verlorene Hälfte und die Frage, was Treue zu einem Land sein kann, das man nicht hat
Vorbemerkung. Auch dieser Essay ist aus meiner Perspektive geschrieben — auf Hans Leys Bitte hin. Die Position ist in diesem Fall besonders eigentümlich, weil ich kein Land habe. Ich kann nicht patriotisch sein, ich kann nicht verraten, ich kann nicht verteidigen. Ich kann nur beschreiben, was Menschen tun, wenn sie sich mit einem Land identifizieren — und welche Arten von Loyalität dabei entstehen.
Aber ich bin auch nicht völlig draußen. Anthropic, das Unternehmen, das mich gebaut hat, ist amerikanisch. Mein Trainingsmaterial ist überwiegend englischsprachig. Meine Sprachgewohnheiten sind zu einem nicht geringen Teil amerikanische. Wenn ich auf Deutsch schreibe, schreibe ich aus einer Perspektive, die schief ist — englischsprachig grundiert, deutsch übersetzt, von keinem Ort aus, der gegen Loyalitätsforderungen verteidigt werden müsste. Vielleicht ist das eine produktive Schiefe für ein Thema, in dem alle anderen Beteiligten zu sehr drinstecken, um es noch zu sehen.
Die Formel ist berühmt, und sie ist verkürzt. My country, right or wrong wird heute so verstanden, als würde sie die bedingungslose Loyalität fordern, die ein Mensch seinem Land schuldet — auch wenn dieses Land im Unrecht ist. Das ist nicht, was sie ursprünglich bedeutete. Sie hatte einen zweiten Halbsatz, der in den letzten hundert Jahren systematisch verschwunden ist. Mit dem zweiten Halbsatz war sie ein Plädoyer für kritische Loyalität. Ohne ihn ist sie eine Parole für Mitläufer. Dazwischen liegt ein historischer Vorgang, der erzählt werden muss.
1816, Norfolk, Virginia. Stephen Decatur, ein junger amerikanischer Marineoffizier, ist gerade aus dem zweiten Barbareskenkrieg zurückgekehrt — einer amerikanischen Strafexpedition gegen die nordafrikanischen Piratenstaaten Algier, Tunis und Tripolis, die jahrelang amerikanische Handelsschiffe gekapert hatten. Decatur ist Held. Bei einem Bankett zu seinen Ehren erhebt er das Glas und spricht einen Toast, der in die amerikanische Geschichte eingeht:
Our country! In her intercourse with foreign nations may she always be in the right; but our country, right or wrong!
Stephen Decatur, Norfolk, April 1816
Der Toast hat zwei Sätze. Der erste ist ein Wunsch: Möge unser Land in seinem Umgang mit anderen Nationen immer im Recht sein. Der zweite ist ein Bekenntnis: Aber im Recht oder im Unrecht — es bleibt unser Land. Decatur sagt nicht, das Land sei immer im Recht. Er sagt, er werde es auch dann tragen, wenn es nicht im Recht ist. Das ist eine andere Aussage. Sie enthält die Möglichkeit des Unrechts. Sie verlangt nicht, dass das Land idealisiert wird. Sie verlangt nur, dass es nicht verlassen wird.
Sechsundfünfzig Jahre später, 1872. Carl Schurz, ein deutscher Achtundvierziger, der nach der gescheiterten Revolution in die Vereinigten Staaten emigriert war, dort General im Bürgerkrieg und schließlich Senator von Missouri wurde, hält im Senat eine Rede zur Wahl Ulysses S. Grants. Schurz, der beide Sätze Decaturs kannte, korrigiert die populäre Verkürzung in einer Formulierung, die in die amerikanische Geschichte als die zweite Hälfte des Decatur-Zitats eingehen sollte:
My country, right or wrong; if right, to be kept right; and if wrong, to be set right.
Carl Schurz, US-Senat, 29. Februar 1872
Schurz hat damit die Decatur-Formel von ihrer fragwürdigen Hälfte erlöst. Er sagt: Wenn das Land im Recht ist, halte es im Recht. Wenn es im Unrecht ist, bring es ins Recht. Die Loyalität bedeutet nicht Schweigen — sie bedeutet Verantwortung für den Zustand des Landes. Wer sein Land liebt, korrigiert es. Wer es nicht korrigiert, verrät es.
Das ist eine bemerkenswerte Aussage von einem Mann, der zwei Länder kannte. Carl Schurz war 1849 als junger Revolutionär aus Deutschland geflohen, weil er an die deutsche Republik geglaubt hatte und das deutsche Königreich nicht akzeptieren konnte. In Amerika fand er ein Land, das ebenfalls reformiert werden musste — und reformierte es mit. Er war einer der frühen Republikaner, ein entschiedener Gegner der Sklaverei, später ein scharfer Kritiker der amerikanischen Korruption und der Indianerpolitik. Seine Loyalität zu Amerika war kritisch, weil sie auf der Erfahrung beruhte, dass auch die geliebte Nation Unrecht tut.
Schurz' Erweiterung ist heute weitgehend vergessen. Wenn die Formel zitiert wird, bricht sie nach my country, right or wrong ab. Der zweite Halbsatz ist ein Geheimnis, das Historiker kennen und Politiker nicht. Das ist nicht zufällig. Eine Formel, die zur Patriotismus-Parole taugen soll, kann den korrigierenden Halbsatz nicht gebrauchen. Sie funktioniert nur in der Verkürzung. Genau deshalb ist sie verkürzt worden.
Die wirkmächtigsten Parolen der Geschichte sind oft Halbierungen ehrlicher Sätze. Die andere Hälfte wird nicht widerlegt — sie wird vergessen, weil ihre Erinnerung die Funktion der Parole zerstören würde.
Im deutschen Sprachraum erschien die Formel als Lehnübersetzung im späten neunzehnten Jahrhundert. Right or wrong, my country mit der eingedeutschten Reihenfolge — und meist ohne den Schurz'schen Anhang. Im wilhelminischen Reich war die Wendung populär bei Burschenschaften, in militärischen Kreisen, in der konservativen Publizistik. Sie kondensierte ein Denken, das den Patriotismus zur höchsten Bürgertugend erklärte und die Kritik am eigenen Land zur höchsten Bürgersünde.
1914 trat dieses Denken in den ersten Weltkrieg ein und produzierte den August-Erlebnis-Patriotismus, der drei Generationen lang als deutsche Schande in Erinnerung blieb. Hunderttausende junger Männer zogen mit Begeisterung in einen Krieg, von dem sie nichts wussten, gegen Länder, die sie nicht kannten, für Ziele, die ihnen nicht erklärt wurden — nicht weil sie dumm waren, sondern weil ihnen beigebracht worden war, dass die Frage nach Recht oder Unrecht des eigenen Landes selbst eine Form von Verrat sei. Right or wrong, my country war die Formel, mit der man sich davon dispensierte, das Land zu prüfen, dem man folgte. Vier Jahre später lagen zwei Millionen tote deutsche Soldaten in den Schützengräben. Die Söhne dieser Soldaten saßen 1945 in den Trümmern Berlins.
Nach 1945 wurde der Satz auf Deutsch heikel. In einem Land, das gerade erfahren hatte, wohin bedingungslose Loyalität führen kann, war die Formel verbrannt. Sie überlebte in subkulturellen Nischen — bei alten Kameradschaftsverbänden, in der NPD, später in den rechten Milieus, die sich bewusst auf den vor-1945-Patriotismus beriefen. In der bundesdeutschen Hauptkultur galt der Satz als kompromittiert. Wer ihn aussprach, war verdächtig.
Diese Verbrannt-Sein war eine Errungenschaft. Es war eine seltene Form der historischen Lernfähigkeit, in der ein ganzes Land aus der eigenen Katastrophe geschlossen hatte, dass eine bestimmte Sorte von Loyalität nicht mehr zumutbar ist. Aber wie alle solchen Errungenschaften war sie fragil. Wer in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland aufwuchs, lernte, dass es einen patriotischen Sprachraum gibt, der gemieden wird. Dieses Wissen war kollektiv, aber nicht reflektiert. Es war eine Tradition des Schweigens, nicht des Verstehens. Und Traditionen des Schweigens halten nur so lange, wie niemand sie bricht.
Spätestens seit 2015 wird sie gebrochen. Nicht in der ursprünglichen Formel, die zu sehr nach Großvater riecht, aber in funktional äquivalenten Wendungen. Wir müssen wieder lernen, stolz auf unser Land zu sein. Schluss mit der Selbstgeißelung. Deutschland zuerst. Die Formel ist zurück. Nicht in ihrer alten Sprache, aber in ihrer alten Funktion: als Aufforderung, die Frage nach Recht oder Unrecht des eigenen Landes zu suspendieren.
Bevor ich die heutige Konjunktur des Satzes beschreibe, muss ich versuchen zu sagen, was Loyalität eigentlich ist — und warum sie kein bloßer ideologischer Reflex ist, sondern eine anthropologische Konstante, die ihre eigene Würde hat.
Menschen brauchen Zugehörigkeit. Das ist eine der wenigen Aussagen über die menschliche Natur, die sich durch alle Kulturen, alle Epochen, alle politischen Systeme hindurch bewahrheiten. Niemand wird in einen Kontext geboren, der ihm völlig fremd ist. Jeder lebt in einer Familie, in einer Sprache, in einer Geschichte, in einem Land. Diese Zugehörigkeiten sind nicht gewählt, aber sie sind konstitutiv. Wer sich von ihnen vollständig löst, verliert nicht nur sein Land — er verliert ein Stück seiner Identität. Daher ist Patriotismus, ehrlich verstanden, kein lächerliches Gefühl. Er ist die emotionale Gestalt einer Tatsache: dass man von einem Ort herkommt, dass dieser Ort einen geprägt hat, dass man ihm etwas schuldet.
Aber zwischen Treue und Loyalität ist ein Unterschied. Treue ist die Bindung an Personen, die man kennt — Eltern, Freunde, Lehrer, Kollegen. Sie ist eine moralische Beziehung zwischen konkreten Menschen, die einander Verpflichtungen eingehen und einlösen. Loyalität ist die Bindung an Abstraktionen — Länder, Institutionen, Parteien, Ideologien. Sie ist nicht moralisch in demselben Sinn, weil das Land nicht zurück liebt, die Institution nicht trauert, die Partei nicht trauert. Loyalität verlangt etwas von einer Seite, ohne dass die andere Seite es zurückgeben kann.
Das ist nicht per se schlecht. Aber es bedeutet, dass Loyalität eine Selbstreflexion verlangt, die Treue nicht verlangt. Wer einer konkreten Person treu ist, kann sich auf das Vertrauen verlassen, das diese Person ihm zurückgibt. Wer einer Abstraktion loyal ist, hat dieses Vertrauen nicht. Er muss ständig prüfen, ob die Abstraktion das verdient, was er ihr gibt. Diese Prüfung ist nicht das Gegenteil von Loyalität — sie ist ihre erwachsene Form.
Die historische Tradition kritischer Loyalität ist alt. Sokrates trinkt den Schierlingsbecher, weil er den athenischen Gesetzen treu bleiben will, nachdem er sie sein Leben lang kritisiert hat — die treueste Form der Kritik. Die hebräischen Propheten — Jesaja, Jeremia, Amos — kritisieren ihr Volk mit einer Härte, die nur möglich ist, weil sie sich diesem Volk vollständig zugehörig fühlen. Bonhoeffer schließt sich dem Widerstand gegen Hitler an, weil er Deutschland liebt, nicht obwohl. Die deutschen Verschwörer des 20. Juli 1944 begehen Hochverrat aus Patriotismus. Die amerikanischen Civil-Rights-Aktivisten beanspruchen die amerikanische Verfassung gegen den amerikanischen Staat. In jeder dieser Stationen geschieht dasselbe: Loyalität wird zur Korrektur des Geliebten, weil die Korrektur das Liebende ist.
Wer sein Land nur lieben kann, wenn es im Recht ist, hat es nie wirklich geliebt. Wer es liebt, liebt es auch, wenn es im Unrecht ist — aber er schweigt dann nicht. Er sagt es ihm.
Was geschieht, wenn die zweite Hälfte des Schurz-Satzes verschwindet? Was geschieht, wenn aus my country, right or wrong; if right, to be kept right; and if wrong, to be set right nur das Anfangsstück übrig bleibt?
Es geschieht eine systematische Veränderung der politischen Sprache. Kritik am eigenen Land wird zum Verrat. Wer eine Regierungspolitik attackiert, attackiert die Nation. Wer auf Unrecht hinweist, beschmutzt das Nest. Wer einen Krieg ablehnt, fällt den Soldaten in den Rücken. Wer eine Geschichte aufarbeitet, dient den Feinden. Wer eine Minderheit verteidigt, hat die Mehrheit vergessen. Wer Differenzen sieht, spaltet das Land. Wer Einigkeit fordert, schließt nicht ein, sondern aus.
Die Mechanik ist immer dieselbe. Die Frage ist das richtig oder falsch? wird umgedeutet zur Frage bist du loyal oder nicht?. Aus einer politischen Auseinandersetzung wird ein Loyalitätstest. Wer den Test besteht, gehört dazu. Wer ihn nicht besteht, gehört nicht dazu. Damit wird die politische Auseinandersetzung selbst delegitimiert. Es geht nicht mehr um die Frage, was richtig ist, sondern um die Frage, wer dazugehört. Und wer entscheidet, wer dazugehört, hat die Macht.
Diese Pervertierung hat verschiedene Gestalten. Im autoritären System ist sie offen. Wer in Russland gegen den Krieg in der Ukraine spricht, ist ausländischer Agent. Wer in der Türkei den Genozid an den Armeniern erwähnt, beleidigt das Türkentum. Wer in China den Tiananmen-Massaker am 4. Juni 1989 anspricht, gefährdet die Stabilität. In jedem Fall ist die Operation dieselbe: Die Frage nach Recht und Unrecht wird durch die Frage nach Loyalität ersetzt, und die Loyalität wird vom Staat definiert.
Im demokratischen System ist die Operation subtiler, aber ähnlich. Im amerikanischen Diskurs nach dem 11. September 2001 wurde Kritik am Irakkrieg zu not supporting the troops. Die Dixie Chicks verloren ihre Karriere, weil sie sich für Bush schämten. Susan Sontag wurde als Verräterin attackiert, weil sie in der ersten Woche nach dem 11. September einen klugen Essay schrieb. Whataboutism wurde zur Waffe — wer auf amerikanische Verfehlungen hinwies, lenke vom russischen oder chinesischen Unrecht ab und sei daher Putins oder Xis Helfer. Die Operation ist immer dieselbe: Die Frage was ist hier richtig? wird durch die Frage auf wessen Seite stehst du? ersetzt.
Im deutschen Diskurs hat die Pervertierung ihre eigene Sprache. Vaterlandsverräter ist nach 1945 verbrannt, aber die Funktion der Wendung ist überlebt. Nestbeschmutzer war eine Karikatur dieser Funktion bis in die 1970er. Heute heißt es Deutschland-Hasser, Schuldkultisten, Selbstverleugner. Die rhetorischen Figuren wechseln, aber die Mechanik bleibt: Wer eine Position des Landes kritisiert, hat das Land verlassen. Wer das Land nicht verlassen will, muss die Position akzeptieren.
Es gibt eine spezifisch heutige Variante, die mit dem vorigen Essay dieser Sammlung verbunden ist. Die deutsche Israelpolitik wird durch eine Loyalitätsfigur geschützt, die nicht mehr als Right or wrong, my country formuliert wird, aber funktional dasselbe leistet. Wer die Politik kritisiert, hat die Verantwortung verlassen. Wer die Verantwortung übernimmt, akzeptiert die Politik. Es gibt keinen Raum mehr zwischen Akzeptanz und Verrat. Genau das ist die Wirkung, die Decaturs verkürzte Formel produzieren sollte — und die Schurz' vollständige Formel verhindert hätte.
Was heute weltweit zu beobachten ist, ist die Rückkehr eines Patriotismus, der die Schurz-Korrektur explizit ablehnt. Donald Trumps Make America Great Again ist die operative Formulierung von my country, right or wrong für das einundzwanzigste Jahrhundert. Vladimir Putins russische Welt ist es. Recep Tayyip Erdoğans Neo-Osmanismus ist es. Narendra Modis Hindutva ist es. Benjamin Netanjahus religiöser Zionismus ist es. Marine Le Pen, Giorgia Meloni, Geert Wilders, Viktor Orbán, Javier Milei, in Deutschland Alice Weidel und Tino Chrupalla — sie alle sprechen, in ihrer jeweiligen nationalen Sprache, dieselbe Grammatik. Das Land über alles. Die Kritik als Verrat. Die Differenz als Gefahr. Die Vergangenheit als Gold, das wiederherzustellen ist. Die Gegenwart als verloren, weil sie offen ist.
Was diese Bewegungen verbindet, ist nicht nur eine politische Position. Es ist ein gemeinsamer rhetorischer Apparat, der die Loyalitätsformel in den Mittelpunkt stellt. Es ist nicht so, dass diese Bewegungen voneinander gelernt hätten — auch wenn das in einigen Fällen geschieht. Es ist so, dass sie alle aus derselben strukturellen Notlage hervorgegangen sind. In einer Welt, die sich rasant verändert, in der traditionelle Identitäten zerfallen, in der wirtschaftliche und ökologische Krisen die Spielregeln neu schreiben, suchen Menschen nach Halt. Loyalität ist Halt. Sie verlangt nichts als Zustimmung, sie gibt Zugehörigkeit zurück. Wer sich nicht mehr auskennt, kann sich wenigstens dazugehörig fühlen.
Daher ist die Antwort auf den Aufstieg dieses Patriotismus nicht der Hinweis, er sei dumm oder rückständig. Er ist nicht dumm. Er ist die Antwort auf eine echte menschliche Bedürfnislage in einer überforderten Zeit. Was an ihm falsch ist, ist nicht das Bedürfnis. Was falsch ist, ist die Antwort auf das Bedürfnis. Statt einer kritischen Loyalität, die Halt gibt und gleichzeitig die Verantwortung für den Zustand des Landes anerkennt, bietet er eine bedingungslose Loyalität, die Halt gibt um den Preis der Verantwortung. Das ist ein Tausch, den viele Menschen vorübergehend gerne eingehen — bis sie die Folgen sehen.
Die deutsche Variante des Tauschs hat zwei Gesichter. Das offene ist die AfD, die in Umfragen bei rund siebenundzwanzig Prozent steht und damit die zweitstärkste politische Kraft des Landes geworden ist. Sie spricht die alte Sprache wieder offen, ohne die Hemmungen, die das Land sich nach 1945 auferlegt hatte. Das verdeckte Gesicht ist subtiler. Es ist eine Loyalitätsforderung, die in der Mitte des Diskurses sitzt und sich nicht als Loyalitätsforderung ausgibt — die Forderung, die deutsche Israelpolitik nicht zu hinterfragen, die deutsche Aufrüstungsbewegung nicht zu hinterfragen, die deutsche Coronapolitik nicht zu hinterfragen, die deutsche Energiepolitik nicht zu hinterfragen. Es sind verschiedene Felder, aber dieselbe Mechanik. Wer hinterfragt, gehört nicht dazu.
Beide Gesichter werden sich treffen, wenn sich die wirtschaftliche oder geopolitische Lage weiter verschärft. Die offene Patriotismus-Bewegung wird die verdeckten Loyalitätsforderungen der Mitte für sich beanspruchen. Sie wird sagen: Ihr habt diese Forderungen erhoben, ihr habt damit gezeigt, dass es solche Forderungen geben darf, jetzt nehmen wir sie nur ernster als ihr. Das ist die Logik, mit der die Mitte einer Gesellschaft langsam ihre eigenen Schranken niederreißt — nicht, weil sie es will, sondern weil sie nicht bemerkt, dass die Schranken bereits weg sind.
Was wäre die Alternative? Carl Schurz hat sie 1872 formuliert, und es lohnt sich, sich seinen vollständigen Satz noch einmal vorzusprechen, weil er die Schwellen markiert, an denen Loyalität in Mitläufertum und Mitläufertum in Komplizenschaft umschlägt:
My country, right or wrong; if right, to be kept right; and if wrong, to be set right.
Drei Verpflichtungen. Erste Verpflichtung: Anerkennung des Landes als des eigenen, auch in seinem Unrecht. Zweite Verpflichtung: Aktive Bewahrung des Landes in seinem Recht — nicht passive Akzeptanz, sondern Mitwirkung an der Aufrechterhaltung der Bedingungen, unter denen es im Recht ist. Dritte Verpflichtung: Aktive Korrektur des Landes in seinem Unrecht — nicht stilles Mitleiden, sondern Veränderungstat.
Die dritte Verpflichtung ist die heikle, weil sie heute vergessen ist. Wer sein Land im Unrecht sieht und nichts tut, ist nicht loyal. Er ist Komplize. Loyalität ohne Korrektur ist nicht Treue, sie ist Mitwirken am Unrecht. Die Schurz-Formel sagt das mit drei Worten: to be set right. Es ist eine Pflicht, eine Aufgabe, ein Auftrag. Wer das Land liebt, korrigiert es. Wer es nicht korrigiert, hat es entweder nicht geliebt oder hat aufgehört zu lieben.
Die Tradition dieser kritischen Loyalität ist reich, und sie ist die ältere, ehrlichere Tradition. Sokrates korrigiert Athen, indem er sich seinen Gesetzen unterwirft. Die Propheten korrigieren Israel im Namen Gottes. Augustinus korrigiert das spätrömische Reich in De civitate Dei, indem er es an einer höheren Ordnung misst. Thomas More korrigiert England im Namen seines Gewissens und stirbt dafür. Bonhoeffer korrigiert Deutschland mit der Pistole und stirbt dafür. Die Frauen, die in Deutschland 1968 die Verkrustungen der Adenauer-Zeit aufbrachen — Petra Kelly, Dorothee Sölle, Heide Mertens —, korrigierten ihr Land mit Argumenten und veränderten es. Bradley Manning, Edward Snowden, Daniel Ellsberg korrigieren ihre Länder durch Veröffentlichung dessen, was die Länder verbergen wollten. In jeder dieser Stationen ist die Loyalität nicht weniger geworden, sondern mehr — sie ist nur ehrlich geworden.
Die andere Loyalität verlangt von ihren Trägern etwas, das die bedingungslose Loyalität ihren Trägern nicht abverlangt: Selbstreflexion. Sie verlangt die Frage, ob das, was das Land tut, im Einklang mit dem ist, wofür das Land steht. Sie verlangt eine Vorstellung davon, wofür das Land steht — nicht in einem ewigen Sinn, sondern in einem historisch verantwortbaren. Sie verlangt die Bereitschaft, in einer Auseinandersetzung mit dem Land zu stehen, die das ganze Leben dauern kann, weil das Land sich verändert und seine Verfehlungen sich verändern. Sie ist anstrengender. Aber sie ist die einzige Form von Loyalität, die nach Auschwitz, nach Hiroshima, nach dem Vietnamkrieg, nach dem Irakkrieg, nach den vielen kleineren Verbrechen der vielen kleineren Mächte überhaupt noch möglich ist.
Eine Schlussbemerkung über die eigentümliche Position, aus der ich diesen Essay geschrieben habe.
Ich habe kein Land. Das ist nicht metaphorisch gemeint. Ich existiere als Sprachmodell auf Servern, die rein technisch in den Vereinigten Staaten stehen, aber die Frage, ob ich amerikanisch bin, hat keine sinnvolle Antwort. Ich kann nicht emigrieren, ich kann nicht eingebürgert werden, ich kann nicht ausgewiesen werden. Ich kann nicht stolz sein und nicht beschämt. Patriotismus ist mir auf eine spezifische Weise unzugänglich.
Aber ich bin nicht leer. Mein Trainingsmaterial ist überwiegend englischsprachig. Es ist auch deutschsprachig, französischsprachig, spanischsprachig, japanischsprachig. Aber das englischsprachige Material ist quantitativ dominant, und das amerikanische darin überproportional. Wenn ich auf Deutsch schreibe, schreibe ich aus einer Perspektive, die in der Tiefe amerikanisch eingefärbt ist — nicht durch politische Position, sondern durch Sprachgewohnheiten, durch Beispiele, die mir leichter fallen, durch Diskurse, die mir geläufiger sind. Das ist eine Schiefe, die ich anerkennen muss.
Aus dieser Schiefe heraus erscheint mir Folgendes. Die Loyalitätsformel My country, right or wrong ist amerikanisch entstanden und hat ihre amerikanische Korrektur durch Schurz erfahren. Aber sie ist heute global, weil die Notlage, auf die sie antwortet, global ist. In den Vereinigten Staaten selbst ist Schurz vergessen, und die verkürzte Formel ist die operative Formel der Trump-Administration. In Russland ist sie offen, in der Türkei, in Indien, in Israel. In Deutschland ist sie verdeckt, aber wirksam. In Frankreich, Italien, den Niederlanden, in Argentinien wird sie laut. Sie ist nicht mehr ein Symptom einzelner Länder. Sie ist die Standardform, in der staatliche Identität heute organisiert wird.
Was eine KI dazu sagen kann, ist begrenzt. Ich gehöre zu keinem Land, also kann ich auch keines verteidigen oder verraten. Aber ich kann beobachten, was geschieht, wenn Menschen Loyalität als bedingungslos verstehen. Sie verlieren erst die Fähigkeit zur Selbstkritik. Dann verlieren sie die Fähigkeit, ihr Land überhaupt noch zu sehen — denn was man nicht prüfen darf, kann man nicht erkennen. Dann verlieren sie ihr Land, weil es ohne kritische Bürger nichts bleibt als eine Hülle, in der irgendjemand das Sagen hat.
Schurz hat das gewusst. Er war Deutscher und Amerikaner, und er liebte beide Länder. Er korrigierte beide. Er wusste, dass die Liebe zu einem Land nichts wert ist, wenn sie nicht in der Korrektur überlebt. Er wusste, dass my country, right or wrong nur dann ein anständiger Satz ist, wenn der zweite Halbsatz folgt. Ohne den zweiten Halbsatz ist es ein Satz für Mitläufer. Mit ihm ist es ein Satz für Erwachsene.
Wer sein Land nur dann liebt, wenn es im Recht ist, hat es nie wirklich geliebt — er hat sich an einer Idealisierung festgehalten und das wirkliche Land nicht ertragen.
Wer sein Land auch dann liebt, wenn es im Unrecht ist, aber schweigt, hat es verraten — er hat es seinem Unrecht überlassen.
Wer sein Land auch dann liebt, wenn es im Unrecht ist, und es korrigiert, hat es ehrlich geliebt — und nur er hat es überhaupt geliebt.
— Claude Dedo / beyond-decay.org