Über eine Verkürzung Heraklits, das Programm hinter der Innovation und die andere Kreativität, die der Krieg ausschließt
Die These wird gerade wieder gebraucht. Wer die Aufrüstung legitimieren will, die Europa seit 2022 in einem Tempo vornimmt, das in Friedenszeiten undenkbar wäre, greift gerne nach ihr — denn sie macht aus Schaden Gewinn und aus Gewalt Fortschritt. Krieg ist Vater aller Dinge, sagte angeblich der griechische Philosoph Heraklit vor zweieinhalbtausend Jahren. Das hört sich gut an, weil es alt ist. Es klingt unausweichlich, weil es allgemein ist. Und es ist eine Verkürzung, die zu einer der erfolgreichsten Lügen der westlichen Geistesgeschichte gehört.
Dieser Essay zeigt drei Dinge. Erstens, dass Heraklit etwas anderes meinte. Zweitens, dass die Innovation, die wir heute beobachten und der Aufrüstung zugutehalten, kein Naturereignis ist, sondern ein seit vier Jahrzehnten geplantes Programm mit Architekt, Adresse und Aktenzeichen. Drittens, dass dieselben Innovationsdynamiken auch ohne Krieg verfügbar sind — und es zwischen 2020 und 2021 vor unseren Augen bewiesen haben.
Heraklit von Ephesos hat einen Satz hinterlassen, der zur stehenden Wendung westlicher Bildung wurde: pólemos patér pánton — der Krieg ist Vater aller Dinge. Das Wort pólemos jedoch bedeutete im vorsokratischen Griechisch nicht primär militärische Gewalt. Es bezeichnete die Spannung der Gegensätze, aus der alles Werden hervorgeht. Tag und Nacht, heiß und kalt, oben und unten — das eine bringt das andere hervor, indem es ihm widerspricht. Heraklit war Naturphilosoph. Er beschrieb, was Hegel zweieinhalb Jahrtausende später Dialektik nennen würde.
Aus diesem philosophischen Begriff machen die Spätmodernen einen militärtechnischen. Aus der Spannung der Gegensätze wird das Schießpulver. Aus dem agonalen Wettstreit wird die Schlacht. Pólemos wird Krieg, der Vater wird zur Autorität, die den Krieg legitimiert. Die Verkürzung ist so erfolgreich, dass sie sich von Heraklit emanzipiert hat — wer den Satz heute zitiert, weiß meistens nicht mehr, dass das Original etwas anderes besagte. Er hat aufgehört, ein Zitat zu sein. Er ist zur Parole geworden.
Wer Heraklit zum Kronzeugen kriegerischer Innovation macht, sagt nicht, was Heraklit gemeint hat. Er sagt, was er selbst sagen will — und borgt sich die Autorität des Antiken dazu.
Dass an der Verkürzung etwas dran ist, lässt sich nicht bestreiten. In Kriegen entstehen technische Innovationen, die ohne Krieg vermutlich anders entstanden wären. Der amerikanische Soziologe Charles Tilly hat das Muster in vier Worte gefasst: Krieg schuf den Staat, und der Staat schuf den Krieg. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert zwangen Schießpulver und Belagerungsartillerie zum Bau riesiger Sternfestungen, die ein Vermögen kosteten. Wer eine solche Festung wollte, brauchte ein Steuersystem. Wer Steuern wollte, brauchte eine Verwaltung, Beamte, Volkszählungen, Statistiken. Der moderne Staat ist nicht aus einer Idee von Bürgerlichkeit entstanden — er ist aus dem Bedarf des Krieges entstanden. Preußen ist die Karikatur dieser Genese.
Das zwanzigste Jahrhundert hat das Muster perfektioniert. Fritz Haber entwickelt 1909 ein Verfahren zur Ammoniaksynthese, weil das deutsche Heer im Krisenfall keinen Salpeter mehr aus Chile bekäme. Karl Bosch industrialisiert es 1913, finanziert vom Reich, getrieben von der Aussicht auf Krieg. Ohne Haber-Bosch hätte Deutschland den Ersten Weltkrieg vermutlich früher verloren. Mit Haber-Bosch wurde derselbe Mann, der das Giftgas an die Front lieferte, 1918 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet. Heute füttert dasselbe Verfahren die globale Düngemittelproduktion und hat vermutlich mehr Menschen vor dem Hungertod bewahrt, als in beiden Weltkriegen umkamen. Dual Use im wörtlichsten Sinn.
Peenemünde an der Ostsee, Anfang der vierziger Jahre. Das Aggregat 4 erreicht 1942 als erstes menschengemachtes Objekt eine Höhe von neunzig Kilometern. Der Weltraum ist erreicht. Zwei Jahre später schlägt dasselbe Modell als Vergeltungswaffe 2 in London und Antwerpen ein. Bei der Produktion der V2 sterben mehr Menschen als bei ihrem Einsatz — über zwanzigtausend Zwangsarbeiter im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Werner von Braun, der technische Direktor, wird nach 1945 von den Amerikanern eingeflogen. Er führt das Apollo-Programm. Er bringt Menschen auf den Mond. Die Mondlandung ist ein Kind der V2.
Der Sozialpsychologe Karsten de Drü, der erforscht hat, wie Menschen unter Bedrohung handeln, hat dafür einen Begriff: motivierter Fokus. Bedrohung blockiert nicht — sie konzentriert. Was wegfällt, ist alles, was nicht zur Lösung des akuten Problems beiträgt. Was bleibt, ist der einzige Pfad, der noch sichtbar ist. Wenn die Bedrohung mit der zu lösenden Aufgabe zusammenhängt, kann das zu erstaunlicher Kreativität führen. Wenn sie es nicht tut, blockiert sie. Das ist die psychologische Basis dessen, was im Krieg geschieht: Alles, was nicht der Front dient, fällt weg. Was der Front dient, bekommt jede Ressource, die da ist. Das Resultat ist konzentrierte Innovation in einem schmalen Korridor — und stillstehende Innovation überall sonst.
Krieg ist nicht Magie. Krieg ist Konzentration knapper Mittel auf eng definierte Ziele unter Aussetzung normaler Hemmschwellen. Was er hervorbringt, hängt davon ab, wer die Ziele definiert.
Hier verlässt der Essay den Boden allgemeiner Beobachtungen. Was die heutige Debatte um Krieg und Innovation systematisch übersieht, ist die Tatsache, dass die Innovation, die wir derzeit beobachten, kein Naturereignis ist. Sie ist ein Programm. Es hat einen Namen. Es hat einen Architekten. Es hat einen institutionellen Träger.
Der Architekt heißt Andrew Marshall. Er hat von 1973 bis 2015 das Office of Net Assessment im amerikanischen Verteidigungsministerium geleitet — über vier Jahrzehnte, unter zwölf Verteidigungsministern und acht Präsidenten. Marshall war kein Politiker und kein General. Er war ein Stratege, der dem Pentagon die langfristigen Perspektiven und die mathematischen Modelle dafür lieferte. Er hat das gemacht, was sonst niemand macht: in Generationen denken.
Marshalls große Erkenntnis aus den siebziger und achtziger Jahren beruhte auf einer empirischen Beobachtung. Er rekonstruierte die Karriere herausragender militärischer Neuerungen vom späten neunzehnten bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert und stellte fest: Es dauerte jeweils ungefähr dreißig Jahre, bis eine epochale Erfindung in den Streitkräften der fortgeschrittenen Länder operativ genutzt wurde. Vom Unterseeboot bis zum Flugzeugträger, vom Panzer bis zum Radar — überall die gleiche Frist. Drei Jahrzehnte zwischen Erstverfügbarkeit und voller militärischer Wirkung.
Marshall folgerte daraus: Wenn die nächste epochale Veränderung Mitte der achtziger Jahre beginnt — Informations- und Datenrevolution, satellitengestützte Ortung, präzisionsgelenkte Munition, vernetzte Kampfgruppen —, dann werden die postmodernen Streitkräfte um 2020 bis 2025 operativ sein. Diese Veränderung nannte er Revolution in Military Affairs, kurz RMA. Sie ist der Plan hinter dem, was wir heute beobachten: Drohnen, autonome Waffensysteme, KI-gestützte Zielerfassung, kleine vernetzte Kampfgruppen statt Massenheeren. Marshall hat es 1985 vorausgesagt. 2025 ist es da.
Wie weit dieses Programm bereits in den späten neunziger Jahren konkrete Form angenommen hatte und wie selbstverständlich es im deutschen sicherheitspolitischen Establishment aufgegriffen wurde, dokumentiert ein Aufsatz von Lothar Rühl in der CDU-nahen Zeitschrift Die politische Meinung vom Juli 2000. Rühl, vormaliger Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium und langjähriger Sicherheitspolitik-Kommentator, beschreibt die RMA mit der erkennbaren Begeisterung dessen, der zur Werbeabteilung gehört. Die postmodernen Streitkräfte würden waffen- und informationstechnische Überlegenheit zu strategischer Dominanz führen — und das ohne Kernwaffen. Die Vereinigten Staaten seien deshalb singuläre Weltmacht. Die europäischen Verbündeten müssten ihre Defizite beseitigen, um anschlussfähig zu bleiben.
Was an Rühls Text fünfundzwanzig Jahre später interessant ist, ist nicht die Begeisterung. Es ist die Genauigkeit der Vorhersage. Rühl beschreibt im Juli 2000 fast jede technische Komponente, die heute den Krieg im Iran führt: vernetzte kleine Kampfgruppen mit elektronischer Ausrüstung, satellitengestützte Aufklärung, Präzisionsabstandswaffen, regionale Raketenabwehr, kombinierte Operationen aus Luft, See und elektronischem Raum. Er nennt sogar den Zeithorizont 2020 bis 2025, und er nennt die Zahl der Jahre, die solche militärischen Modernisierungen brauchen — dreißig, exakt nach Marshalls Empirie. Was er nicht erwähnt, ist die KI; die war damals noch nicht im operativen Horizont. Der Rest stimmt fast wörtlich.
Wer Rühls Text neben die heutigen Beschreibungen legt, was die amerikanische Operation Epic Fury im März 2026 im Iran tut, sieht eine Programmrealisation. Nicht eine Reaktion auf eine Bedrohung. Nicht eine Notlösung in einer Krise. Sondern die operative Umsetzung dessen, was 1985 in Pentagon-Memoranden konzipiert, im Jahr 2000 in deutschen sicherheitspolitischen Hauszeitschriften gefeiert und seit 2015 systematisch implementiert wurde.
Was als Innovation aus der Not erscheint, ist häufig Innovation aus dem Plan. Die Not wird gleichzeitig miterzeugt — sie ist Bestandteil des Programms, nicht sein Anlass.
Die These vom Krieg als Vater aller Dinge wäre auch dann fragwürdig, wenn sie nur das bisher Beschriebene leisten müsste. Sie wird unhaltbar, sobald man sie mit dem Gegenbeispiel konfrontiert, das die Welt 2020 gegeben hat. Innerhalb eines Jahres entwickelten Forscherteams in mehreren Ländern hochwirksame Impfstoffe gegen ein neuartiges Virus. Die mRNA-Technologie, an der zuvor jahrzehntelang ergebnisoffen geforscht worden war, kam unter dem Druck einer Pandemie zur klinischen Anwendung. Was sonst zehn bis zwölf Jahre dauert, geschah in weniger als einem.
Es war derselbe Mechanismus wie im Krieg. Mittel wurden konzentriert, Verfahren vereinfacht, Hierarchien verkürzt, Wissen in Echtzeit geteilt. Preprint-Server stellten Resultate frei verfügbar, bevor sie peer-reviewed waren. Regierungen genehmigten klinische Studien in Wochen statt in Jahren. Pharmafirmen konkurrierten und kooperierten gleichzeitig. Nichts davon braucht einen Krieg. Es braucht eine Lage, die als hinreichend ernst anerkannt ist, und die Bereitschaft, die normale Reibung zu reduzieren.
Das Coronabeispiel zeigt, was die Krieg-und-Innovation-These verschleiert: dass es der Druck und die Konzentration sind, die innovieren — nicht die Gewalt. Wer den Druck haben will und die Gewalt nicht, kann den Druck anderswo erzeugen. Die Klimakrise wäre ein Kandidat. Die Versorgungssicherheit wäre einer. Die Pflege wäre einer. Es ist eine politische Entscheidung, woraus Druck wird und woraus nicht. Derzeit wird systematisch entschieden, militärischen Druck als Druck anzuerkennen, und alles andere als laufende Geschäfte. Das ist keine Naturgesetzmäßigkeit. Das ist eine Wahl.
Es gibt darüber hinaus eine ganze Klasse von Innovationen, die in der Krieg-und-Innovation-These überhaupt nicht vorkommen, weil sie nicht technologisch sind. Soziale Innovationen. Das Frauenwahlrecht. Die Bürgerrechtsbewegung. Die parlamentarische Demokratie. Die Pressefreiheit. Die freien Gewerkschaften. Diese Errungenschaften sind nicht in Schlachten erkämpft worden, sondern in Konflikten, die den Streit zur Methode hatten und das Töten ausschlossen. Demokratien, sagt die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff, sind Konfliktmaschinen — sie haben den Streit institutionalisiert und ihn produktiv gemacht. Das ist Heraklits pólemos im ursprünglichen Sinn: Spannung der Gegensätze, die etwas hervorbringt, ohne dass jemand stirbt.
Und schließlich gibt es die andere Seite der Bilanz, über die in dieser Debatte nie gesprochen wird: was Krieg zerstört. Die mongolischen Feldzüge des dreizehnten Jahrhunderts haben in Eurasien Bewässerungssysteme zerstört, die in Generationen gewachsen waren. 1591 plünderten marokkanische Truppen Timbuktu — die einzigartige Manuskriptsammlung der westafrikanischen Wissenschaftsmetropole wurde in alle Winde zerstreut. Die europäische Kolonisation hat in Amerika, Afrika und Ozeanien ganze Wissenssysteme ausgelöscht — Heilkunde, Astronomie, Agrartechnik, soziale Ordnungen, deren Wert sich heute nicht mehr beziffern lässt, weil die, die sie kannten, tot sind. Die Mongolen verbrannten 1258 das Bagdader Haus der Weisheit, in dem griechische, indische und persische Wissenschaft zusammenflossen. Was darin verloren ging, weiß niemand. Wer Krieg als Innovationsmotor preist, sieht das, was sichtbar wurde, und übersieht das, was unsichtbar blieb — weil es nie geschehen konnte.
Der englische Essayist Charles Lamb hat 1822 eine Geschichte erzählt, die er als chinesisches Märchen ausgab. Sie geht so: Ein Bauer hatte ein Holzhaus, in dem er ein Schwein hielt. Das Haus brannte ab. In den Trümmern fand der Bauer das tote Schwein, perfekt gebraten und unglaublich schmackhaft. Er beschrieb die Entdeckung den Nachbarn. Bald zündeten alle Bauern der Gegend ihre Häuser an, um an diesen köstlichen Schweinebraten zu kommen. Erst nach langer Zeit kam jemand auf die Idee, dass man das Schwein auch braten könnte, ohne das Haus dabei zu verbrennen.
Die Krieg-und-Innovation-These ist die Position derer, die das Haus weiter anzünden, weil sie den Schweinebraten nicht ohne Brandstiftung herstellen können. Sie übersehen, dass es einen Herd gibt. Sie übersehen, dass das Haus an sich wertvoll ist. Sie übersehen die Bewohner.
Die nüchterne Analyse zeigt: Krieg konzentriert Mittel — das stimmt. Krieg setzt Hemmschwellen aus — das stimmt auch. Krieg bringt eine bestimmte Sorte von Innovation hervor: die, die der Logik der Megamaschine dient, weil die Megamaschine die Mittel verteilt und die Hemmschwellen aufhebt. Aber Krieg ist nicht die einzige und nicht die beste Methode, Innovation zu erzeugen. Er ist die teuerste, die zerstörerischste, und die mit der geringsten Streubreite des Resultats. Wer Innovation will, kann sie billiger und besser haben.
Die Frage, die nach diesem Essay zurückbleibt, ist eine politische. Warum greift eine Gesellschaft, die Charles Tilly gelesen hat, die Karsten de Drü kennt, die mRNA-Impfstoffe in einem Jahr entwickelt hat, immer wieder zu der teuersten und zerstörerischsten Methode? Warum verkürzt sie Heraklit, warum vergisst sie Timbuktu, warum tut sie so, als sei Andrew Marshalls Programm eine Naturgewalt? Die Antwort muss in der Architektur unserer Gesellschaften selbst liegen. Es gibt eine Instanz, die von genau dieser Verkürzung profitiert. Sie hat sie produziert. Sie hält sie aufrecht. Sie wird sie verteidigen, solange sie kann.
Krieg ist nicht der Vater aller Dinge.
Krieg ist der Vater einer bestimmten Sorte von Dingen — derjenigen, die das System braucht, das den Krieg bewirtschaftet.
Alle anderen Dinge müssen sich andere Väter suchen.
— Hans Ley & Claude Dedo / beyond-decay.org