Der verhinderte Wohltäter
Am 8. Februar 2022 starb in Stuttgart, wenige Tage nach seinem achtundsiebzigsten Geburtstag und nach langer Krankheit, Götz Wolfgang Werner. Er hat aus dem Nichts den größten Drogeriemarkt Europas aufgebaut, ein Unternehmen, in dem die Arbeit der Verkäuferin so viel gelten sollte wie die des Managers; er war Anthroposoph, Leser von Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit, und er hat den letzten Teil seines Lebens einer einzigen Idee gewidmet: dem bedingungslosen Grundeinkommen, einem Einkommen für alle. Sich selbst beschrieb er als verstoßenen Sohn, Realträumer, Gründer wider Willen. Heute ist er fast vergessen, und wir wollen über ihn nur Gutes sagen. Wir nehmen die alte Pflicht ernst, de mortuis nil nisi bonum — und wir werden sie bis zum Ende halten. Das ist schwerer, als es klingt. Denn das Gute, das sich über ihn sagen lässt, verwandelt sich bei näherem Hinsehen in die lehrreichste aller Warnungen.
Das Gute, das wir sagen
Beginnen wir damit, und vorbehaltlos. Seine Aufrichtigkeit steht außer Frage. Ein Mann, der seinen Namen, sein Vermögen und seinen guten Ruf hinter eine Idee stellt, hätte, wäre er ein Zyniker gewesen, klüger geschwiegen. Werner schwieg nicht. Er war ein Menschenfreund, und er meinte es. Auch der humane Kern seiner Idee ist nicht töricht. Dass die Existenz eines Menschen nicht am Verkauf seiner Arbeitskraft hängen sollte; dass Würde und Erwerb sich entkoppeln ließen; dass die fortschreitende Automatisierung Produktivität und Armut zugleich wachsen lässt und damit aus dem ökonomischen Problem in Wahrheit ein Verteilungsproblem macht — das ist kein Unsinn, das ist eine ernsthafte Diagnose. Er sah wirkliches Leid; er führte gern an, dass jeder Fünfte von Armut oder Ausgrenzung bedroht sei, und er wollte, dass es aufhört. An keinem dieser Sätze zweifeln wir. Bis hierhin ist das Lob ungeteilt.
Warum die Pietät den Blick auf das Werkzeug verlangt
Und doch wird ein Wohltäter nicht an seinem Wunsch gemessen, sondern an dem, was seine Gabe bewirkt hätte. Gerade die Pietät zwingt uns, das Werkzeug anzusehen. Denn ihn aus Ehrfurcht durchzuwinken hieße, ihn nicht ernst zu nehmen — es hieße, ihn als Heiligen zu loben, statt ihn als Denker zu prüfen. Wir prüfen ihn. Werners Werkzeug war eine einzige Steuer. Er wollte das Grundeinkommen — das nach seinem Plan über fünfzehn bis zwanzig Jahre von anfangs einigen hundert Euro auf rund 1300 bis 1500 Euro im Monat wachsen sollte — dadurch finanzieren, dass alle anderen Steuern abgeschafft und durch eine Konsumsteuer ersetzt würden, eine Mehrwertsteuer von knapp der Hälfte des Preises; Kritiker rechneten vor, dass es eher achtzig bis hundert Prozent sein müssten. Abgeschafft würden in diesem Umbau die Lohn- und Einkommensteuer, die Kapitalertragsteuer und, in seinen eigenen Worten, am Ende auch die Unternehmenssteuern ganz. Die Begründung klang bestechend: Letztlich seien ohnehin alle Steuern in den Preisen versteckt, also solle man ehrlicherweise gleich nur den Konsum besteuern.
Der unsichtbare Preis der sichtbaren Gabe
Hier kippt das Lob, und es kippt nicht am Mann, sondern an seiner Mechanik. Eine Konsumsteuer fragt nicht nach Vermögen, sie fragt nach der Konsumquote — und die sinkt, je reicher man ist. Niemand konsumiert proportional zu dem, was er besitzt. Die arme Rentnerin gibt nahezu ihr ganzes Einkommen aus und würde fast auf alles besteuert; der Vermögende verkonsumiert nur einen Bruchteil und trüge die Steuer nur auf diesen Bruchteil. Der Rest bleibt unbelastet, wächst und wird vererbt. Eine einzige Konsumsteuer ist also nicht neutral, sie ist regressiv von Natur. Und Werners Entwurf tat mehr als das: Er schaffte gerade jene Steuern ab, die überhaupt am Vermögen, am Kapitalertrag, am Unternehmensgewinn ansetzen. Damit zerfällt seine Konstruktion in zwei Hälften von sehr ungleicher Sichtbarkeit. Die eine Hälfte ist die Gabe: ein monatlicher Betrag für jeden, sichtbar, persönlich, spürbar wie geschenkte Sicherheit. Die andere Hälfte ist der Preis: der Wegfall jeder Besteuerung des Eigentums, unsichtbar, weil er aus einer Unterlassung besteht. Man sieht die Auszahlung; man sieht nicht die nicht mehr erhobene Kapital- und Erbschaftsteuer. Genau diese Asymmetrie zwischen sichtbarer Gabe und unsichtbarem Verzicht ist der Mechanismus jeder gelungenen Umverteilung von unten nach oben. Werners Wohltat hätte, einmal Gesetz, den Boden ein wenig angehoben und die Decke ganz entfernt. Die Nettoempfänger wären die Eigentümer des Kapitals gewesen, die Nettozahler die Konsumierenden — also jene Armen, die er retten wollte.
Der zweifache Sinn des Wortes »verhindert«
Damit erhält das Wort vom verhinderten Wohltäter seinen doppelten Klang. Im ersten, milden Sinn wurde er verhindert von außen: Sein Vorschlag wurde nie Gesetz, keine Regierung wagte ihn, die Idee blieb Idee. In diesem Sinn ist er der tragisch Gebremste, der Realträumer, dem die Wirklichkeit den Traum nicht gönnte. Doch es gibt einen zweiten, tieferen Sinn, und er ist der eigentliche. Die Wohltat war von innen verhindert, durch die Logik des selbstgewählten Werkzeugs. Nicht die Welt allein hat den Wohltäter aufgehalten, sondern seine eigene Idee. Und darin liegt eine Grausamkeit, die niemand beabsichtigt hat: Gerade die Ärmsten, die ihn am meisten als Heilsbringer verehrten, wären von seinem Werk am härtesten belastet worden. An sie war die Gabe adressiert; an sie auch die Rechnung. Hinzu kommt, leise, die Grenze im Titel: Sein Einkommen für alle galt nur für jeden deutschen Staatsbürger. Der Wohltäter der Menschheit zog die Grenze seiner Wohltat am Nationalstaat.
Warum die Arithmetik ihn nicht erreichte
Bleibt die Frage, warum ein so kluger Mann den Einwand nicht hörte, der doch auf der Hand lag. Wir glauben nicht, dass es Hochmut war. Es war der Rang, den die Idee bei ihm hatte. Schon wohlwollende Beobachter aus dem eigenen Lager bemerkten, dass die Anhänger der Konsumsteuer — er voran — sie als den im Grunde alternativlosen Weg behandelten, nicht als eine von mehreren Optionen. Eine Idee, die man als alternativlos hält, ist keine Hypothese mehr, sie ist ein Glaube. Und einen Glauben widerlegt man nicht mit einer Konsumquote. Wer ihm vorrechnete, wie die Steuer auf die Armen fiele, bekam selten Antwort — nicht aus Geringschätzung, vermuten wir, sondern weil die Rechnung im falschen Register vorgetragen war. Dem Realträumer war die Würde des Menschen gewiss; die Konsumquote war ihm eine Kleinlichkeit der Buchhalter. So blieb das stärkste Argument gegen ihn im Schweigen liegen.
Schluss
Wir haben unser Versprechen gehalten. Wir haben nur Gutes über ihn gesagt, denn das Gute war wirklich: der Wunsch, die Aufrichtigkeit, der Mut, sich mit dem eigenen Vermögen für die Vermögenslosen einzusetzen. Das Versagen lag nicht im Mann, es lag im Werkzeug — und eben darum verdient sein Andenken nicht Spott, sondern Sorgfalt. Er wollte ein Wohltäter der Menschheit sein; er bleibt ein verhinderter. Wir bewahren ihn als die sanfteste Warnung, die das Thema kennt: dass die gefährlichsten Umverteilungen nach oben nicht immer das Gesicht der Gier tragen. Manchmal tragen sie das Gesicht eines guten Menschen, der jedes Wort ernst meinte. Und genau das, nicht irgendeine Bosheit, macht sie so schwer zurückzuweisen. Der Wohltäter wurde verhindert. Lassen wir wenigstens die Lehre nicht auch verhindert sein.
beyond-decay.org — 14. Juni 2026