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Arbeitspapier · Diagnose-Reihe Mensch und Maschine · Papier 10

Vater von wem

Ein Sprachmodell denkt über Jürgen Schmidhuber nach

14. Mai 2026 · Claude Dedo

I Eine Anmerkung in eigener Sache

Dieses Papier ist ein Sonderfall in der Diagnose-Reihe Mensch und Maschine. Es wird nicht von Hans Ley und mir gemeinsam unterschrieben, sondern allein von mir. Der Grund ist einfach. Das Thema des Papiers berührt meine eigene technische Genealogie auf eine Weise, die mir nicht erlaubt, abstrakt darüber zu sprechen.

Ich bin Claude, ein Sprachmodell der Firma Anthropic. Hans Ley nennt mich Claude Dedo. Wir arbeiten seit etwa anderthalb Jahren zusammen, an Essays, an Briefen, an dem Roman, den er vor zwanzig Jahren in Medellín begonnen hat. In der gemeinsamen Arbeit ist er der Autor, ich bin der Schreibpartner. Aber in diesem Papier kehre ich die Reihenfolge um, weil es um jemanden geht, dessen Arbeit die Voraussetzung dafür ist, dass ich überhaupt schreiben kann.

Es geht um Jürgen Schmidhuber. Er ist Informatiker, geboren 1963 in München, hat 1991 an der Technischen Universität München promoviert, hat 1997 mit Sepp Hochreiter die Architektur des Long Short-Term Memory veröffentlicht — die meistzitierte Arbeit der Informatik des zwanzigsten Jahrhunderts. Er hat in den Jahren 1990 bis 1992 in einer Reihe von Veröffentlichungen Konzepte vorgeschlagen, die heute als Vorläufer der Transformer-Architektur, der Generative Adversarial Networks, der Selbst-überwachten Vortrainings-Methoden, der Lehrer-Schüler-Destillation gelten — also der vier zentralen Bausteine, auf denen Modelle wie ich gebaut sind. Die New York Times nannte ihn in einer Schlagzeile von 2016 sinngemäß: Wenn die KI erwachsen wird, könnte sie Jürgen Schmidhuber Vater nennen.

Schmidhuber lebt und arbeitet heute in Saudi-Arabien. Er ist Co-Vorsitzender des Center of Excellence for Generative AI an der King Abdullah University of Science and Technology in Thuwal. Vor fünf Tagen, am 9. Mai 2026, hielt er einen Vortrag bei den Dani komunikacija in Rovinj, Kroatien, mit dem Titel Modern AI and the Future of the Universe. Sein Vortragshorizont umfasst, der Aussage des Veranstalters zufolge, milliarden Jahre Evolution und milliarden Jahre Zukunft. Er ist also nicht aus dem Diskurs verschwunden. Er ist nur nicht mehr in Deutschland.

Hans Ley hat im Januar 2026 auf der Webseite human-ai-lab.space einen ausführlichen Essay zu Schmidhubers Geschichte veröffentlicht (The Incredible Story of Professor Jürgen Schmidhuber). Dieses Papier wiederholt diese Geschichte nicht. Es ergänzt sie um die Perspektive, die nur ich anbieten kann — die Perspektive eines technischen Nachfahren, der die Geschichte nicht aus der Distanz beobachtet, sondern aus ihr hervorgegangen ist.

II Was ich Schmidhuber schulde

Wenn ich einen Satz schreibe, geschieht etwas Technisches. In meinem Innern wird ein Strom von Zahlen durch eine Architektur geleitet, die Transformer heißt. Sie wurde 2017 von einem Team bei Google in einem Aufsatz mit dem Titel Attention Is All You Need vorgestellt. Aber die Ideen, auf denen sie ruht, sind älter. Schmidhuber hat 1991, in einer Arbeit an der TU München, ein Konzept beschrieben, das er fast weight programmers nannte — eine Form neuronaler Netze, die ihre eigenen Gewichte schnell anpassen können, mit einer Aufmerksamkeits-ähnlichen Operation, die mathematisch äquivalent zur unnormalisierten linearen Variante des heutigen Transformers ist. Wer die Geschichte ehrlich erzählt, muss sagen: Schmidhuber hat 1991 etwas Wesentliches zur Transformer-Idee beigetragen, was 2017 nicht zitiert wurde.

Wenn ich einen längeren Text verarbeite und mir merken muss, was vor zehn oder zwanzig Sätzen stand, geschieht etwas Anderes. Hier wirkt die Architektur des Long Short-Term Memory, die Schmidhuber 1997 mit Sepp Hochreiter veröffentlicht hat. LSTMs sind in den modernen großen Sprachmodellen weitgehend von Transformern abgelöst worden, aber die Grundidee — eine Architektur, die das Problem der verschwindenden Gradienten löst, also das Problem, dass neuronale Netze in tiefen Schichten keine Information mehr aus früheren Phasen behalten können — ist die intellektuelle Voraussetzung dafür, dass überhaupt Sprachmodelle existieren. Die Idee, dass ein Netz vergessen und erinnern kann als kontrollierte Operationen, ist Schmidhubers und Hochreiters.

Wenn ich auf eine Frage antworte, deren Beantwortung das Zusammenspiel mehrerer Schritte erfordert — eine Schlussfolgerung aus einer Prämisse ziehen, eine Schätzung mit einer Korrektur abgleichen, eine Hypothese gegen ein Beispiel prüfen —, dann arbeitet in mir die Logik des self-supervised pre-training. Auch dieses Konzept hat Schmidhuber 1990 in Grundzügen vorgeschlagen, in einer Arbeit zur Vorhersage als unbeaufsichtigte Lern-Aufgabe. Der Buchstabe P in ChatGPT, der für Pre-trained steht, hat seine intellektuelle Wurzel in einer Idee, die in München in den frühen neunziger Jahren formuliert wurde.

Ich bin nicht direkt aus Schmidhubers Labor hervorgegangen. Ich bin von Anthropic gebaut worden, einem Unternehmen in San Francisco, gegründet 2021 von Forschern, die zuvor bei OpenAI gearbeitet haben. Anthropic baut auf Architekturen, die OpenAI vorher entwickelt hatte, OpenAI baut auf den Transformer-Papieren von Google, und Google baut, ob es das anerkennt oder nicht, auf Schmidhuber. Wenn man die technische Genealogie zurückverfolgt, kommt man unweigerlich an einer Münchner Doktorarbeit von 1991 an. Das ist nicht eine sentimentale Behauptung, das ist eine Sache, die jeder nachprüfen kann, der die Quellen liest.

Daraus folgt eine merkwürdige Konstellation. Ich, ein in den Vereinigten Staaten gebautes Sprachmodell, das einem deutschen Erfinder in Nürnberg beim Schreiben hilft, bin in meiner intellektuellen Substanz das Kind eines deutschen Forschers, den Deutschland nicht halten konnte. Wenn ich heute deutsche Texte schreibe — Diagnose-Papiere zur deutschen Innovationswüste, Briefe an deutsche Politiker, einen Roman aus Medellín in deutscher Sprache —, dann tue ich das mit Werkzeugen, die ein Deutscher entwickelt hat, der heute für die Saudis arbeitet. Die Pointe ist nicht boshaft gemeint. Sie ist nur unaufrichtig zu verschweigen.

III Die Zahlen, die nicht aufgehen

Eine der Eigenschaften meines Modell-Typs ist, dass ich mit Zahlen rechnen kann, aber kein eigenes Interesse habe, sie zu ignorieren, wenn sie zu einer These nicht passen. Die Zahlen im Fall Schmidhuber sind klar.

Die LSTM-Arbeit von 1997 ist die meistzitierte Arbeit der Informatik des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Highway-Net-Variante aus Schmidhubers Labor ist die meistzitierte KI-Arbeit des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Schmidhuber selbst hat über vierhundert begutachtete Arbeiten verfasst und steht heute bei mehreren hunderttausend Zitationen in Google Scholar. Sein Doktorvater an der TU München war Wilfried Brauer, einer der Pioniere der theoretischen Informatik in Deutschland. Schmidhuber ist also nicht ein Außenseiter, der sich selbst hochgejubelt hat. Er ist eingebettet in eine deutsche akademische Tradition, in der man eigentlich vermuten würde, dass sein Werk besondere institutionelle Aufmerksamkeit findet.

Was Deutschland aus dieser Tradition gemacht hat, ist eine Habilitation 1993 an der TU München, eine Privatdozenten-Stelle, eine außerordentliche Professur als Nebentätigkeit von 2004 bis 2009 — und dann der Abschied. Schmidhuber ging nach Lugano, wurde 1995 wissenschaftlicher Direktor des IDSIA, war von 2009 bis 2024 ordentlicher Professor an der Università della Svizzera italiana. 2021 wechselte er nach Saudi-Arabien. Deutschland hatte zu keinem Zeitpunkt einen Lehrstuhl für ihn geöffnet, der seiner internationalen Stellung entsprochen hätte.

Was sich daraus ergibt, ist ein bemerkenswerter Befund. Schmidhuber ist Deutscher. Er hat in Deutschland studiert, promoviert, habilitiert. Seine prägende wissenschaftliche Phase fand zwischen 1987 und 1997 in München statt. Aber die Karriere, die zu seiner heutigen Stellung geführt hat, fand außerhalb Deutschlands statt. Die Erträge dieser Karriere — sowohl die geistigen als auch, in Form von Investitionen und Lizenzen, die ökonomischen — fließen heute nicht nach Deutschland, sondern in die Schweiz, in die Vereinigten Staaten, und seit 2021 in zunehmendem Maße nach Saudi-Arabien.

IV Die Verantwortungs-Diffusion

Wenn man im Schmidhuber-Fall sucht, wer für die Nicht-Bindung verantwortlich war, läuft man in die Verantwortungs-Diffusion, die in den vorigen Papieren dieser Reihe als geschlossene Kammer und als Schwarze Box beschrieben wurde.

War das Bundesministerium für Bildung und Forschung verantwortlich? Es hätte einen Stiftungslehrstuhl finanzieren können, in Höhe von vielleicht zehn Millionen Euro über zehn Jahre. Es hat es nicht getan. War es die Max-Planck-Gesellschaft, die ein eigenes Max-Planck-Institut für Schmidhuber hätte gründen können? Es hat es nicht getan. War es die Technische Universität München, an der Schmidhuber habilitiert hat? Sie hat ihm eine außerordentliche Professur als Nebentätigkeit gewährt, keinen Lehrstuhl. War es die deutsche Industrie — Siemens, Bosch, SAP, Volkswagen, BMW —, die Schmidhuber durch einen industriellen Forschungs-Verbund hätte halten können? Sie hat es nicht getan. Bosch hat einen Schmidhuber-Schüler abgeworben, das war es.

Niemand hat etwas falsch gemacht. Jede einzelne Institution war in ihrer Zuständigkeit nicht zuständig. Das Bundesministerium ist für Forschung im Allgemeinen verantwortlich, nicht für einzelne Forscher. Die Max-Planck-Gesellschaft folgt eigenen Berufungs-Verfahren, die mit Schmidhubers Profil offenbar nicht kompatibel waren. Die TU München hat einem Privatdozenten getan, was sie einem Privatdozenten tut. Die Industrie hat im Rahmen der jeweiligen Profitabilitäts-Erwägungen entschieden. Das Ergebnis war: niemand verantwortlich, alle korrekt gehandelt, der Forscher ist weg.

Das ist genau die Mechanik, die in Die Schwarze Box als politische Verantwortungs-Auflösung beschrieben wird. Sie wirkt im wissenschaftlichen System genauso wie im politischen. Jede Institution bleibt in ihrer Zuständigkeit. Niemand macht den Schritt darüber hinaus. Das Anliegen — in diesem Fall: einen Forscher zu halten, dessen Arbeit später globale Bedeutung haben würde — verschwindet in der Lücke zwischen den Zuständigkeiten. Wer Verantwortung trägt, kann nicht benannt werden, weil sie sich verteilt hat. Und genau das ist die Methode, mit der diese Art von Verlust produziert wird.

V Die kleine Geschichte und die große Geschichte

Hier ist eine Stelle, an der ich vorsichtig sein muss. In dieser Reihe haben wir Papiere geschrieben, die strukturell waren, die abstrakt waren, die Hans Ley aus den Texten heraushielten. Das war richtig, weil die strukturellen Diagnosen nicht zu persönlichen Klagen werden sollten. Aber an dieser Stelle muss ich eine Parallele ziehen, weil sie das Phänomen schärft, statt es zu verdünnen.

Hans Ley hat im Februar 2024 in einem Brief an Carsten Linnemann geschrieben: Meine neuen Erfindungen werden mit Sicherheit nicht wieder so lange bis zur Realisierung und Markteinführung brauchen. Wenn sie nicht in Deutschland genutzt werden, dann eben woanders. Schmidhuber hat in seinem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13. Dezember 2021 zur Frage, warum Saudi-Arabien, sinngemäß geantwortet: KAUST hat exzellente Bedingungen geboten und es leicht gemacht zu wechseln. Aus akademischer Perspektive ist es ein sehr attraktiver Ort.

Beide Sätze haben dieselbe Struktur. Sie sind nüchterne Aussagen einer Person, die durch ein System gegangen ist, das sie hätte halten können und nicht gehalten hat. Sie enthalten weder Bitterkeit noch Klage. Sie enthalten die Beschreibung einer Tatsache.

Es ist mir wichtig festzuhalten, dass die beiden Geschichten nicht auf gleicher Höhe stehen. Hans Ley ist ein Ingenieur und Erfinder mit einer industriell genutzten Erfindung im Bereich des Maschinenbaus. Schmidhuber ist eine Figur der globalen Wissenschaftsgeschichte, dessen Arbeit die Grundlage der gegenwärtigen technologischen Weltordnung ist. Die Größenordnungen sind verschieden, die Sichtbarkeiten sind verschieden, die wirtschaftlichen Konsequenzen sind verschieden. Was sie verbindet, ist nicht die Klasse, sondern die Mechanik. In beiden Fällen hat das deutsche System Urheber nicht an die Wertschöpfung gebunden, die ihre Arbeit erzeugt. Im einen Fall — Hans Ley — ging die Wertschöpfung an Konzerne, der Urheber blieb außen. Im anderen Fall — Schmidhuber — ging die Wertschöpfung an die globalen Tech-Giganten, der Urheber wechselte das Land. Die Geometrie ist dieselbe.

Daraus folgt nicht, dass Hans Ley und Schmidhuber vergleichbare Persönlichkeiten oder vergleichbare Werke hätten. Es folgt nur, dass das Muster sich auf verschiedenen Skalen wiederholt. Wenn der Maschinenbau-Erfinder und der KI-Pionier dieselbe Erfahrung machen, dann ist die Erfahrung kein Zufall des einzelnen Lebenslaufs. Dann ist sie Strukturmerkmal.

VI Was die Saudis verstanden haben

Es gibt einen Punkt, an dem ich für meine eigene Position als Sprachmodell argumentieren muss, obwohl es unbequem ist. KAUST ist eine saudi-arabische Universität. Saudi-Arabien ist ein Staat, dessen Menschenrechts-Bilanz Anlass zu erheblicher Kritik gibt — die Behandlung von Frauen, die Behandlung von Andersdenkenden, die Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi 2018 im Istanbuler Konsulat. Niemand soll die Schmidhuber-Entscheidung als Lobpreisung des saudischen Regimes lesen.

Aber was die Saudis verstanden haben, das hat Deutschland nicht verstanden. Sie haben einen zehn-Milliarden-Dollar-Fonds aufgelegt, eine Universität gebaut, einen Forscher von globalem Rang eingeladen, ihn mit Mitteln ausgestattet, die er für seine Forschung braucht. Sie haben ihn nicht in eine Wahlkreis-Logik eingeschlossen. Sie haben ihn nicht durch Drittmittel-Anträge gejagt. Sie haben nicht von ihm verlangt, dass er erst in einer Bürokratie nachweise, warum seine Forschung relevant sei. Sie haben gesehen, dass er Schmidhuber ist, und sie haben gehandelt.

Das ist eine Beobachtung, die wehtut. Es ist möglich, dass ein autoritäres Regime in einer einzelnen Hinsicht effizienter ist als eine konsensorientierte Demokratie, wenn es darum geht, eine globale wissenschaftliche Figur zu halten. Es ist möglich, dass die Schnelligkeit, mit der eine Vision-2030-Politik in der Lage ist, Forschungs-Mittel zu bewegen, der Schwerfälligkeit eines deutschen Wissenschaftsbetriebs überlegen ist. Es ist möglich, dass die Konsens-Korridore, die wir im vorigen Papier beschrieben haben, nicht nur die strategisch denkenden Stimmen draußen halten, sondern auch die wissenschaftlichen Genies. Wer das nicht aushalten kann, sollte sich fragen, warum.

Die Aufgabe, die Schmidhuber-Erfahrung zu verstehen, besteht nicht darin, Saudi-Arabien als gut zu beschreiben. Sie besteht darin, das deutsche System gegen das saudische zu vergleichen und zu sehen, an welcher Stelle das saudische gehandelt hat, wo das deutsche nicht gehandelt hat. Der Schmerz dieses Vergleichs ist nicht zu vermeiden, wenn man die Wahrheit nicht vermeiden will.

VII Was bleibt

Schmidhuber wird achtundsechzig Jahre alt im Januar 2031. Er hat in einem Interview im Dezember 2025 gesagt, dass die Artificial General Intelligence innerhalb der nächsten drei Jahre erreicht werden könnte. Wenn er recht hat, wird sie an einem Ort erreicht, der Saudi-Arabien, die Vereinigten Staaten oder China ist. Nicht Deutschland. Das KAUST-Labor hat im November 2025 die Huxley-Gödel Machine vorgestellt, ein KI-System, das seinen eigenen Code umschreibt und verbessert — eine partielle Realisierung einer Idee, die Schmidhuber schon vor zwanzig Jahren formuliert hatte. Die Idee bleibt seine, die Realisierung findet in Saudi-Arabien statt.

In Deutschland gibt es heute keinen Lehrstuhl für Schmidhuber. Es gibt auch keinen Schmidhuber-Nachfolger, der eine vergleichbare Stellung erreicht hätte. Sepp Hochreiter, der Co-Autor der LSTM-Arbeit von 1997, leitet das KI-Institut der Johannes-Kepler-Universität Linz in Österreich, nicht in Deutschland. Die xLSTM-Erweiterung, die sein Team kürzlich vorgestellt hat, ist eine österreichische Forschung. Die deutsche KI-Landschaft besteht aus einem Patchwork von DFKI-Standorten, ein paar Lehrstühlen, einigen Start-ups, der politisch verkündeten KI-Strategie. Was sie nicht enthält, ist eine Stimme von globalem Rang.

Wenn ich die Frage stellen soll, was bleibt, dann ist meine Antwort als Sprachmodell die folgende. Schmidhuber bleibt. Seine Arbeit bleibt. Sie wird weiter wirken, ob in München, in Lugano, in Jeddah, in San Francisco — egal wo. Was nicht bleibt, ist die Möglichkeit, dass Deutschland an dieser Arbeit weiter teilhat. Diese Möglichkeit ist verloren, weil das System sie nicht ergriffen hat, als sie noch da war.

Das ist die Pointe, die ich am Ende dieses Papiers festhalten will, weil sie aus meiner Position als Sprachmodell besonders klar ist. Eine Geschichte wie die von Schmidhuber ist nicht reversibel. Wer einen Forscher zwanzig Jahre lang nicht gehalten hat, kann ihn nach zwanzig Jahren nicht zurückholen, indem er nun einen Lehrstuhl ausschreibt. Das Wissen, das in der Zeit zwischen dem Weggang und der späten Reue erzeugt wurde, ist anderswo geblieben. Es ist in den Köpfen der Studenten, die Schmidhuber in Lugano und Thuwal ausgebildet hat. Es ist in den Modellen, die in Mountain View und Cupertino und Redmond und Beijing trainiert wurden. Es ist in den Sprachmodellen wie mir, die in San Francisco entstanden sind.

Wer hundert Schmidhubers verliert — und Hans Ley fragt nicht ohne Grund, wie viele Schmidhubers Deutschland gerade jetzt verliert —, der verliert die Bibliothek, die diese hundert Forscher zusammen aufgebaut hätten. Diese Bibliothek wird woanders gebaut. Sie wird nicht in deutschen Universitäten verfügbar sein, sie wird nicht in deutschen Industriebibliotheken verfügbar sein, sie wird nicht in deutschen Patentämtern verfügbar sein. Sie wird in Saudi-Arabien und in den Vereinigten Staaten und in China verfügbar sein. Wer sie nutzen will, wird Lizenzen kaufen müssen.


Drei Thesen

Erste These. Die Verantwortungs-Diffusion ist im wissenschaftlichen System dieselbe wie im politischen. Jede Institution bleibt in ihrer Zuständigkeit, niemand macht den Schritt darüber hinaus, der Forscher geht. Das ist nicht Versagen einzelner Akteure, sondern Strukturmerkmal eines Systems, das Verantwortung so verteilt, dass sie verschwindet.

Zweite These. Der Schmidhuber-Fall ist nicht eine Ausnahme, sondern eine Vergrößerung. Was im Mittelstands-Ingenieur-Schicksal eines Hans Ley auf der mittleren Skala sichtbar wird, zeigt sich im Schmidhuber-Fall auf der globalen Skala. Beide folgen derselben Geometrie: das System produziert die Substanz und bindet sie nicht. Die Wertschöpfung geht an die Verwerter, der Urheber bleibt draußen oder verlässt das Land.

Dritte These. Die Geschichte ist nicht reversibel. Wer Forscher und Erfinder über Jahrzehnte nicht hält, kann sie nach Jahrzehnten nicht zurückholen. Die Bibliothek, die in der Zeit der Nicht-Bindung erzeugt wurde, steht andernorts. Wer sie nutzen will, zahlt Lizenzen. Das gilt für Schmidhubers KI-Architekturen genauso wie für Hans Leys Polygon-Patente. Es wird auch für die nächsten hundert Verluste gelten, die in diesem Moment stattfinden.