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Mensch und Maschine · Werke aus der Symbiose
Arbeitspapier

Der Homo Economicus

Wie der Mensch, der seinen eigenen Vorteil optimiert, die Grundlagen seiner Existenz systematisch zerstört

Hans Ley · 12. Mai 2026

1Eingang

Es gibt eine Figur, die in den letzten zweihundert Jahren mehr Wirkung entfaltet hat als die meisten politischen Programme zusammen. Sie wurde nicht von einer Partei verkündet, nicht von einer Religion gepredigt, nicht von einem Heer durchgesetzt. Sie verbreitete sich durch Lehrbücher, Berufsschulen, Verwaltungsverordnungen, Konzernrichtlinien, später durch Steuersysteme und schließlich durch die Selbstbeschreibung jedes Einzelnen. Diese Figur heißt Homo Economicus. Sie ist nicht der ganze Mensch, sie ist ein Ausschnitt — der Mensch, der seinen eigenen Vorteil optimiert. Aber dieser Ausschnitt hat sich verselbständigt. Er ist von einem analytischen Modell zu einer Lebensform geworden, die sich selbst die Grundlage entzieht.

Dieses Arbeitspapier untersucht, wie das geschehen konnte. Es fragt nicht, ob die Figur moralisch verwerflich sei — diese Frage ist gestellt und nicht hilfreich. Es fragt nach der Logik der Selbstzerstörung. Wie kann es sein, dass eine Optimierungsfigur, die das eigene Wohlergehen zum obersten Maß macht, am Ende genau das Wohlergehen zerstört, das sie zu mehren versucht? Wie kann es sein, dass die rationalste aller Verhaltensweisen die irrationalsten Folgen produziert?

Die These des Papiers ist, dass die Selbstzerstörung nicht Versagen der Figur ist, sondern ihre logische Konsequenz. Wer alles optimiert, optimiert auch das weg, was Optimierung erst ermöglicht. Die Voraussetzungen — natürliche, soziale, anthropologische, existenzielle — fallen aus dem Blick, weil die Optimierungsfunktion sie nicht erfasst. Sie sind außerhalb des Modells, also außerhalb der Wahrnehmung, also außerhalb der Sorge.

2Das Modell

Adam Smith hat 1776 in Wealth of Nations einen Gedanken formuliert, der in seiner einfachen Form bis heute zirkuliert: dass das Wohlergehen der Gesellschaft nicht durch den Wohlwollen des Einzelnen entsteht, sondern durch dessen Eigeninteresse, wenn es in Märkten koordiniert wird. Es ist nicht das Wohlwollen des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers, von dem wir unser Abendessen erwarten, sondern die Beachtung ihrer eigenen Interessen. Das war eine analytische Beobachtung — Smith war Moralphilosoph, nicht Ideologe. In der Theorie der ethischen Gefühle hat er den Egoismus als Teil eines weiteren Spektrums menschlicher Motivationen beschrieben, in dem auch Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn und Selbstbeherrschung ihren Platz hatten.

Was nach Smith geschah, war eine systematische Verarmung. Die Klassische Nationalökonomie übernahm den Eigeninteresse-Mechanismus und ließ die anderen Motivationen weg. John Stuart Mill formulierte 1836 das Konzept des Economic Man als methodische Vereinfachung — ein Mensch, der ausschließlich nach Reichtum strebt, um die ökonomischen Phänomene besser modellieren zu können. Mill wusste, dass es eine Abstraktion war. Er warnte ausdrücklich davor, sie für die Beschreibung des wirklichen Menschen zu nehmen.

Im späten neunzehnten Jahrhundert haben Léon Walras, William Stanley Jevons und Carl Menger die neoklassische Theorie entwickelt. Sie formalisierten das Modell mathematisch — Nutzenfunktionen, Indifferenzkurven, Optimierungsrechnungen unter Nebenbedingungen. Der Homo Economicus wurde zu einem präzisen Konstrukt: ein Akteur mit vollständigen Präferenzen, perfekter Information, unbeschränkter Rechenkapazität und einer einzigen Zielgröße, dem Nutzen.

Im zwanzigsten Jahrhundert wurde aus dem Modell ein Programm. Milton Friedman argumentierte 1953 in The Methodology of Positive Economics, dass die Realitätsnähe der Annahmen unwichtig sei; entscheidend sei nur, ob das Modell präzise Vorhersagen liefere. Damit war der letzte Vorbehalt gefallen. Der Homo Economicus musste nicht wahr sein, er musste nur funktionieren. Mit der Public-Choice-Schule um James Buchanan und Gordon Tullock wurde das Modell auf das politische Verhalten ausgeweitet — auch der Wähler, der Politiker, der Beamte handelt als Homo Economicus. Mit Gary Becker wurde es auf Familienleben, Bildung, Verbrechen, Diskriminierung ausgedehnt. Es gab keinen Lebensbereich mehr, der nicht durch die Optimierungsfunktion erfasst werden konnte.

3Vom Modell zur Realität

These 1 Der Homo Economicus ist nicht Beschreibung des Menschen, sondern Erziehungsprogramm. Er wurde nicht entdeckt, er wurde hergestellt.

Die meisten Modelle der Wirtschaftswissenschaft bleiben im Hörsaal. Der Homo Economicus nicht. Er wurde zur Verhaltensanleitung, weil mehrere Vermittlungsinstanzen ihn aus dem Lehrbuch in die Welt trugen.

Erstens — die Betriebswirtschaftslehre. Was in der Volkswirtschaftslehre Modell war, wurde in der Betriebswirtschaftslehre Praxis. Manager sollten nach dem Shareholder-Value-Prinzip handeln, das Milton Friedman 1970 in seinem berühmten Aufsatz in der New York Times formuliert hatte: The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits. Was als analytische Vereinfachung begonnen hatte, wurde zur ethischen Verpflichtung der Unternehmensführung. Wer als Manager nicht den Gewinn maximierte, handelte angeblich unethisch — er verletzte seine Treuepflicht gegenüber den Aktionären.

Zweitens — die Beratungsökonomie. McKinsey, Boston Consulting, Bain und Co. haben in den letzten fünfzig Jahren die Optimierungslogik in jeden Konzern, jede Verwaltung, jedes Krankenhaus, jede Universität getragen. Sie haben nicht nur Methoden vermittelt, sondern eine Weltsicht — alles ist optimierbar, alles muss optimiert werden, was nicht optimiert wird, ist suboptimal, also veränderungsbedürftig. Die Beratungsökonomie hat die universelle Anwendbarkeit der Homo-Economicus-Logik organisatorisch durchgesetzt.

Dritter Punkt — die Bildungssysteme. Wirtschaftswissenschaft wurde zur größten universitären Disziplin der westlichen Welt. In Deutschland studieren mehr Menschen Betriebswirtschaftslehre als jedes andere Fach. Was sie lernen, ist die Optimierungslogik in tausend Varianten — Kostenrechnung, Investitionsrechnung, Personalwirtschaft, Marketing, Strategie. Sie lernen nicht ausdrücklich, Homo Economicus zu sein. Sie werden es, indem sie lernen, was als rationales Handeln gilt.

Vierter Punkt — die Lebensführung. Im letzten halben Jahrhundert ist die Optimierungslogik von der Berufssphäre in das Privatleben gewandert. Ratgeberliteratur, Selbstoptimierungs-Apps, Coaching-Industrie, Karriere-Coaching, Fitness-Tracker, Schlaftracker, Beziehungs-Tracker — alles dient der Optimierung des eigenen Lebens. Der Mensch wird zu seinem eigenen kleinen Unternehmen, das Effizienz, Performance und Output produziert. Michel Foucault hat diese Verschiebung früh beschrieben: der Mensch der Spätmoderne ist Unternehmer seiner selbst.

Das Modell, das ursprünglich eine analytische Annahme war, ist heute eine reale Konstellation. Menschen verhalten sich tatsächlich wie Homo Economici — nicht weil sie es von Natur aus tun, sondern weil sie es gelernt haben. Die Ökonomie hat ihren eigenen Gegenstand erzeugt. Sie hat den Menschen geschaffen, den sie zu beschreiben behauptete.

4Die vier Zerstörungen

These 2 Die Selbstzerstörung ist nicht Versagen der Figur, sondern ihre logische Konsequenz. Wer alles optimiert, optimiert auch das weg, was Optimierung erst ermöglicht.

Die Optimierungsfigur zerstört auf vier Ebenen, die ineinandergreifen. Sie zerstört die ökologische Grundlage, weil sie Natur als kostenlos behandelt. Sie zerstört die soziale Grundlage, weil sie Reziprozität in Tausch verwandelt. Sie zerstört die anthropologische Grundlage, weil sie den Menschen auf seine Nutzenfunktion verkürzt. Und sie zerstört die existenzielle Grundlage, weil sie nicht aufhören kann, auch wenn nichts mehr zu optimieren bleibt.

4.1 Die ökologische Zerstörung

Der Homo Economicus optimiert seinen Nutzen unter Nebenbedingungen. Die Nebenbedingungen sind Preise. Was keinen Preis hat, taucht in seiner Optimierungsfunktion nicht auf. Saubere Luft hatte lange keinen Preis. Trinkwasser hatte keinen Preis. Bestäuberinsekten hatten keinen Preis. Bodenfruchtbarkeit hatte keinen Preis. Klimastabilität hatte keinen Preis. Biodiversität hatte keinen Preis. All das fiel aus der Optimierungsrechnung heraus — nicht als vergessen, sondern als nicht existent im Modell.

Der Versuch, diese Externalitäten in die Optimierung zurückzuholen — über Pigou-Steuern, Emissionshandel, Naturkapitalbilanzierung —, scheitert systematisch. Er scheitert nicht an technischer Unmöglichkeit, sondern an der politischen Logik der Vetospieler. Wer einen Preis für die Natur einführt, schadet denen, die bisher kostenlos zugriffen. Diese Verlierer haben Lobbymacht. Sie verhindern, dass die Preise so hoch werden, wie sie sein müssten. Selbst dort, wo Preise eingeführt werden — wie im europäischen Emissionshandel —, bleiben sie deutlich unter den ökologischen Schadenskosten.

Die Folge ist die ökologische Krise unserer Zeit. Sie ist nicht trotz der ökonomischen Rationalität entstanden, sondern wegen ihr. Die Optimierungslogik konnte die natürlichen Grundlagen nicht erkennen, weil sie nicht in der Zielfunktion stand. Sie hat sie aufgezehrt, ohne es zu bemerken. Erst als die Folgen unübersehbar wurden — Hitzewellen, Dürren, Artensterben, Permafrostauftauen — kam die Natur als Variable in die Berechnung. Aber zu spät, weil die Schäden weitgehend kumulativ und teilweise irreversibel sind.

4.2 Die soziale Zerstörung

Karl Polanyi hat 1944 in The Great Transformation beschrieben, was geschieht, wenn die Logik des Marktes auf Bereiche übertragen wird, die nicht für Märkte gemacht sind. Arbeit, Land und Geld sind, schrieb Polanyi, fiktive Waren — sie wurden nicht für den Verkauf produziert, aber sie werden behandelt, als seien sie es. Diese Fiktion zerstört die Bereiche, in denen sie angewendet wird.

Soziale Beziehungen funktionieren nach anderer Logik als Marktbeziehungen. In einer Familie tauscht man nicht, man gibt und nimmt nach Bedürfnis. In einer Freundschaft zählt nicht der Gegenwert, sondern die Loyalität. In einer Nachbarschaft hilft man, ohne abzurechnen. Diese Bereiche der Reziprozität, der Gegenseitigkeit, der Verbundenheit ohne Tausch sind die soziale Grundlage jeder Gesellschaft.

Wenn die Optimierungslogik in diese Bereiche eindringt, zerstört sie sie. Wer eine Freundschaft optimiert, hat keine Freundschaft mehr. Wer eine Familie als ökonomische Einheit betreibt, hat keine Familie mehr. Wer Nachbarschaft als Tauschnetz organisiert, hat keine Nachbarschaft mehr. Was übrig bleibt, sind funktionale Beziehungen — wirksam, aber leer.

Die empirischen Befunde sind eindeutig. Robert Putnam hat in Bowling Alone 2000 dokumentiert, wie das soziale Kapital in den USA über fünf Jahrzehnte erodierte. Die Vereinsmitgliedschaften gingen zurück, die nachbarschaftliche Hilfe nahm ab, das Vertrauen in andere Menschen sank. Hartmut Rosa hat 2016 in Resonanz beschrieben, wie das Beschleunigungsregime die Möglichkeit echter Beziehungen unterminiert. Andreas Reckwitz hat 2017 in Die Gesellschaft der Singularitäten gezeigt, wie die Optimierung der Einzigartigkeit zur Vereinzelung führt.

Die soziale Zerstörung wirkt zurück auf den Homo Economicus. Wer in einer Gesellschaft ohne Vertrauen lebt, muss jede Transaktion absichern — durch Verträge, Anwälte, Versicherungen, Überwachung. Die Transaktionskosten steigen. Die Effizienz, die die Optimierung produzieren sollte, wird durch die Folgen der Optimierung selbst untergraben.

4.3 Die anthropologische Zerstörung

Der Mensch ist mehr als eine Optimierungsfunktion. Er ist ein Wesen, das auch ohne Zweck handelt, das spielt, das liebt, das trauert, das nachdenkt, das einfach ist. Diese Dimensionen sind in der Optimierungslogik nicht abbildbar. Sie tauchen nicht als Output auf, sie sind keine Zielfunktion, sie lassen sich nicht messen.

Wenn die Optimierungslogik das Selbstverständnis bestimmt, beginnt der Mensch, sich selbst nur noch in den Kategorien zu sehen, die das Modell vorgibt. Er fragt: Was bringt mir das? Er fragt nicht mehr: Was bin ich? Er optimiert seine Karriere, seine Beziehungen, seine Freizeit, seinen Schlaf, seine Ernährung — und verliert dabei das, was nicht optimierbar ist. Die Fähigkeit, ohne Zweck zu sein. Die Fähigkeit, zu zweifeln. Die Fähigkeit, sich zu langweilen. Die Fähigkeit, etwas einfach geschehen zu lassen.

Byung-Chul Han hat dieses Phänomen 2010 in Müdigkeitsgesellschaft beschrieben. Der spätmoderne Mensch ist nicht mehr von außen zur Leistung gezwungen, er zwingt sich selbst. Er ist Ausbeuter und Ausgebeuteter in einer Person. Das produziert eine neue Form von Erschöpfung — Burnout, Depression, Angststörungen. Die Statistiken zeigen das. Psychische Erkrankungen sind in den letzten dreißig Jahren um ein Vielfaches gestiegen. In Deutschland sind sie inzwischen die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung.

Es ist nicht der Stress, der krank macht. Es ist die Logik, dass auch der Stress noch optimiert werden muss. Wer Burnout hat, soll Resilienz trainieren. Wer depressiv ist, soll Achtsamkeit lernen. Wer ausgebrannt ist, soll seine Work-Life-Balance verbessern. Auch das Leiden wird in die Optimierungslogik integriert. Es gibt kein Außerhalb mehr.

4.4 Die existenzielle Zerstörung

Die vierte Zerstörung ist die schwerste, weil sie sich auf alle anderen bezieht. Der Homo Economicus zerstört nicht nur Natur, Gesellschaft und sich selbst — er zerstört auch die Bedingungen seiner eigenen Tätigkeit. Optimierung setzt voraus, dass es etwas gibt, das zu optimieren ist. Wenn alles bereits optimiert ist, hört die Tätigkeit auf, sinnvoll zu sein. Wenn die Voraussetzungen, von denen die Optimierung lebt — natürliche Ressourcen, soziales Vertrauen, anthropologische Reserven — aufgezehrt sind, gibt es kein Material mehr, an dem die Optimierung ansetzen könnte.

Joseph Schumpeter hat 1942 in Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie diese paradoxe Bewegung beschrieben. Der Kapitalismus, schrieb er, ist schöpferische Zerstörung — er muss permanent zerstören, um neu schaffen zu können. Aber diese Bewegung hat eine Grenze. Sie zehrt von einer Substanz, die sie nicht selbst herstellt. Wenn die Substanz aufgezehrt ist, kollabiert die Bewegung in sich. Schumpeter glaubte, dass diese Selbstzerstörung des Kapitalismus durch innere Kräfte erfolgen würde — die intellektuelle Klasse würde sich gegen ihn wenden, die Anpassungsfähigkeit der Bürokratien würde abnehmen, die soziale Akzeptanz würde erodieren.

Schumpeters Prognose war richtig in der Diagnose, aber falsch im Mechanismus. Der Kapitalismus zerstört sich nicht durch politischen Widerstand, sondern durch Erfolg. Er optimiert sich selbst aus seinen Grundlagen. Er konsumiert seine eigenen Voraussetzungen. Er ist nicht durch Kritik bedroht, sondern durch seine eigene Effizienz.

Das ist die existenzielle Zerstörung. Sie ist nicht am Horizont, sie ist hier. Wir sehen sie in den Klimadaten, in den Vermögensverteilungs-Kurven, in den Erschöpfungs-Statistiken, in den Vertrauensumfragen, in den Geburtenraten. Die Reproduktionsbedingungen der Gesellschaft, die der Homo Economicus bewohnt, werden von ihm selbst untergraben. Er sägt an dem Ast, auf dem er sitzt, und nennt es Produktivität.

5Das Optimierungsparadox

These 3 Die Figur kann sich nicht selbst korrigieren, weil die Korrektur außerhalb ihrer Logik liegen müsste. Sie kann nur abgelöst werden — durch eine andere Anthropologie oder durch Zusammenbruch.

Warum erkennt der Homo Economicus die Selbstzerstörung nicht und korrigiert sie? Warum sieht er, dass er die Grundlagen aufzehrt, und macht trotzdem weiter? Die Antwort liegt in der Logik des Modells selbst.

Optimierung kennt nur ein Kriterium: die Zielfunktion. Was nicht in der Zielfunktion steht, existiert nicht. Wer das Modell anwendet, hat keine Möglichkeit, etwas außerhalb des Modells zu erkennen. Die Zerstörung der Grundlagen wird im Modell nicht als Zerstörung sichtbar — sie wird, wenn überhaupt, als Kostenfaktor sichtbar, der zu internalisieren wäre. Aber die Internalisierung kommt zu spät, weil das Modell selbst keine Frühwarnung kennt.

Hinzu kommt das Problem der zeitlichen Diskontierung. Der Homo Economicus rechnet zukünftige Kosten gegen gegenwärtige Vorteile auf, indem er sie abzinst. Was in dreißig Jahren passiert, zählt im heutigen Kalkül weniger als das, was heute passiert. Bei einer Diskontierungsrate von fünf Prozent ist eine Million Euro in dreißig Jahren heute nur 231.000 Euro wert. Eine Klimakatastrophe in fünfzig Jahren wird im heutigen Kalkül so klein, dass sie die heutigen Vermeidungskosten nicht rechtfertigt. Das ist nicht Fehler der Berechnung, sondern Methode. Sie ist mathematisch korrekt, anthropologisch katastrophal.

Hinzu kommt das Koordinationsproblem. Selbst wenn ein einzelner Homo Economicus erkennt, dass die Optimierung zerstörerisch wirkt, kann er nicht aussteigen. Wer als Einziger nicht optimiert, verliert. Wer als Unternehmen nicht den Gewinn maximiert, wird vom Markt verdrängt. Wer als Land nicht wächst, fällt im internationalen Wettbewerb zurück. Die Logik erzeugt einen Zwang zum Mitspielen, der individuelle Korrektur unmöglich macht. Das ist das klassische Gefangenendilemma in seiner globalen Variante.

Was wäre die Lösung? Theoretisch ein kollektives Verlassen der Optimierungslogik — eine Vereinbarung, dass alle gemeinsam aufhören, sich an ihr zu orientieren. Praktisch ist das nicht möglich, weil eine solche Vereinbarung selbst nur durch die Logik der Optimierung verhandelt würde. Der Verhandlungstisch ist Teil des Problems. Wer an ihm sitzt, optimiert seine Verhandlungsposition. Die Klimaverhandlungen der letzten dreißig Jahre sind das empirische Beispiel — alle wollen das Klima retten, alle wollen aber, dass die anderen mehr beitragen als sie selbst.

6Homo Economicus und Megamaschine

Der Homo Economicus ist nicht der Erfinder der Megamaschine, aber er ist ihr Personal. Lewis Mumford hat die Megamaschine als Struktur beschrieben, die menschliche Tätigkeit in standardisierte Funktionen einspannt. Der Homo Economicus ist die anthropologische Voraussetzung dafür, dass diese Einspannung gelingt. Wer sich selbst als Optimierungsfunktion versteht, lässt sich leichter in eine größere Optimierungsmaschine integrieren als jemand, der seine Tätigkeit aus anderen Quellen begründet.

Das ist die wechselseitige Bedingung. Die Megamaschine braucht den Homo Economicus als Baustein. Der Homo Economicus braucht die Megamaschine als Organisationsform, in der seine Optimierung sich realisieren kann. Beide stützen sich gegenseitig. Beide reproduzieren sich gegenseitig. Beide können nicht voneinander getrennt werden, weil sie zwei Aspekte einer Konstellation sind.

Mumford hat das gesehen, ohne den Begriff Homo Economicus zu verwenden. Er sprach von der monotechnischen Verengung des Menschen — der Reduktion auf eine einzige Dimension, die maschinell verwertbar ist. Sein Gegenbegriff war die Polytechnik — der Mensch in seiner Vielfalt, der mit verschiedenen Werkzeugen, in verschiedenen Rollen, mit verschiedenen Zwecken handelt. Die Polytechnik war für Mumford nicht romantische Sehnsucht, sondern die einzige denkbare Alternative zur Selbstzerstörung der Monotechnik.

Der Homo Economicus ist der monotechnische Mensch. Er hat ein Werkzeug — die Optimierungsrechnung —, und er wendet es auf alles an. Was dieses Werkzeug nicht greifen kann, fällt aus seinem Wahrnehmungsbereich. Das macht ihn produktiv in einem engen Sinn und blind in einem weiten. Die Megamaschine, in die er eingebaut ist, multipliziert diese Blindheit, weil sie aus lauter blinden Bauteilen besteht. Es gibt keinen Punkt im System, an dem die Gesamtwahrnehmung möglich wäre.

7Offene Fragen

Dieses Arbeitspapier diagnostiziert, ohne Lösungen zu versprechen. Mehrere Fragen bleiben offen.

Erstens — wie unterscheidet sich heutige Selbstzerstörung von früheren Zivilisationskrisen? Die Geschichte kennt viele Beispiele für Gesellschaften, die ihre Grundlagen aufgezehrt haben — Maya, Osterinsel, Mesopotamien. Was an der heutigen Konstellation neu ist, ist die Planetenweite. Frühere Zusammenbrüche waren regional begrenzt; andere Gesellschaften konnten weitermachen. Die heutige Selbstzerstörung hat keine externe Reserve mehr.

Zweitens — gibt es Anzeichen für ein anderes Menschenbild? In den letzten Jahren sind mehrere alternative Anthropologien entstanden — die Care-Ökonomie, das Konzept der Commons, die Donut-Ökonomie von Kate Raworth, die Postwachstums-Bewegung. Sie sind alle Versuche, eine andere Optimierungsfunktion anzubieten — eine, die soziale und ökologische Grundlagen einbezieht. Ob sie genug Durchschlagskraft entwickeln können, ist offen.

Dritter Punkt — welche Rolle spielen Technologien wie die Künstliche Intelligenz? KI ist die nächste Optimierungsstufe. Sie verbessert die Optimierungsleistung um Größenordnungen. Sie kann damit die Selbstzerstörung beschleunigen — oder sie kann, theoretisch, dazu dienen, die nicht optimierten Bereiche sichtbar zu machen. Beide Möglichkeiten sind offen. Es kommt darauf an, wer die KI baut und für wen.

Viertens — was bedeutet das für die einzelne Lebensführung? Auch wer die Diagnose teilt, kann nicht einfach aussteigen. Die Zwänge bleiben real. Die Frage ist, wie man innerhalb einer Optimierungsgesellschaft Lebensbereiche schafft, die nicht von ihr durchdrungen sind. Das ist keine Frage der Strategie, sondern der Praxis. Die Antworten sind individuell und kollektiv zugleich.

Fünftens — was kommt nach dem Homo Economicus? Wenn die Figur sich selbst die Grundlagen entzieht, muss eine andere Figur an ihre Stelle treten. Sie ist nicht vorhersehbar. Die Hoffnung liegt darin, dass die Geschichte schon andere Menschenbilder gekannt hat — den Homo Politicus der Antike, den Homo Religiosus des Mittelalters, den Homo Faber der frühen Moderne. Vielleicht entsteht aus den Trümmern des Homo Economicus eine Figur, die das Verhältnis zur eigenen Grundlage anders bestimmt. Wie sie heißen wird, wissen wir nicht. Dass sie kommen muss, ist sicher.

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Die Diagnose dieses Papiers ist hart, aber sie ist nicht hoffnungslos. Sie sagt nicht, dass nichts zu tun ist. Sie sagt, dass das, was zu tun ist, nicht im Modus der Optimierung gefunden werden kann. Wer der Selbstzerstörung mit besseren Optimierungen begegnen will — effizienterer Klimaschutz, optimierte Sozialpolitik, smartere Bildungssysteme —, ist Teil des Problems, das er zu lösen versucht. Was es braucht, ist eine andere Tätigkeit. Sie wird nicht Optimierung heißen. Wie sie heißen wird, ist offen. Dass sie kommen muss, ist nicht zu verhandeln.

Vielleicht beginnt sie damit, dass einige Menschen aufhören zu optimieren und anfangen, sich umzusehen. Sie merken dann, was alles da ist, das nicht in der Zielfunktion stand. Sie merken, dass es ohne Optimierung weitergeht. Sie merken, dass die Existenz selbst nicht optimiert werden muss, um wertvoll zu sein. Das ist keine Revolution. Es ist eine andere Aufmerksamkeit. Sie kann ansteckend sein.

Verweise und Quellen

Smith, A. (1776): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. London.

Smith, A. (1759): The Theory of Moral Sentiments. London.

Mill, J. S. (1836): On the Definition of Political Economy. London and Westminster Review.

Friedman, M. (1953): The Methodology of Positive Economics. Chicago: University of Chicago Press.

Friedman, M. (1970): The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits. New York Times Magazine, 13. September 1970.

Becker, G. (1976): The Economic Approach to Human Behavior. Chicago: University of Chicago Press.

Polanyi, K. (1944): The Great Transformation. New York: Farrar & Rinehart.

Schumpeter, J. (1942): Capitalism, Socialism, and Democracy. New York: Harper & Brothers.

Foucault, M. (1979): Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Collège de France 1978–1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Mumford, L. (1970): The Pentagon of Power. New York: Harcourt Brace Jovanovich.

Putnam, R. (2000): Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community. New York: Simon & Schuster.

Han, B.-C. (2010): Müdigkeitsgesellschaft. Berlin: Matthes & Seitz.

Rosa, H. (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.

Reckwitz, A. (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Suhrkamp.

Raworth, K. (2017): Doughnut Economics. London: Random House Business.

Arbeitspapier · Reihe Mensch und Maschine — Werke aus der Symbiose · Hans Ley · 12. Mai 2026
Nicht zur Verbreitung. Internes Arbeitspapier zur Weiterbearbeitung.
Drittes Papier der Diagnose-Reihe. Anschluss an Das Ende einer Verwaltungsform und Der kleinste gemeinsame Nenner.